Kultur

In Avignon wird das Publikum zum Gericht: Wagner Moura in “Ein Prozess”

Beim Festival von Avignon verhandelt Christiane Jatahy mit Wagner Moura die Geschichte eines Arztes, der vor verseuchtem Wasser warnt. Das Besondere: Zuschauerinnen und Zuschauer entscheiden als Jury über den Fall.

Avignon – 19.07.2026: Im Gymnasium des Lycees Aubanel wird an diesem Sonntagabend kein Urteil eines echten Gerichts gesprochen. Und doch sitzt das Publikum nicht nur im Dunkeln, um zuzusehen. In "Ein Prozess – nach Ein Volksfeind" nimmt es die Rolle einer Jury ein. Auf der Bühne steht der brasilianische Schauspieler Wagner Moura als Arzt Thomas Stockmann, ein Mann, dessen Warnung vor verunreinigtem Wasser eine ganze Stadt gegen ihn aufbringt.

Die Inszenierung von Christiane Jatahy setzt an Henrik Ibsens Drama "Ein Volksfeind" an, geschrieben vor rund 150 Jahren. Stockmann entdeckt darin, dass das Wasser eines Kurortes belastet ist. Statt für die Warnung Dank zu erhalten, wird er öffentlich diskreditiert: Seine Kritik bedroht nach der Logik seiner Gegner Wirtschaft, Arbeitsplätze und das Ansehen des Ortes. Die Bürgerversammlung wird bei Jatahy zum Prozess, in dem sich der Arzt verteidigen muss.

Das Stück arbeitet mit Bühnenhandlung, Video und dokumentarisch anmutenden Aussagen. Die Zuschauenden werden dabei nicht zur Kulisse eines fertigen Urteils, sondern zu Beteiligten an einer Frage, die bewusst unbequem bleibt: Was geschieht, wenn wissenschaftliche Erkenntnisse, wirtschaftliche Interessen und politische Macht aufeinanderprallen? Die Entscheidung über Stockmanns Schuld oder Unschuld liegt nach Angaben des Festivals beim Publikum.

Moura, international vor allem durch seine Rolle als Pablo Escobar in der Serie "Narcos" bekannt, hat das Projekt gemeinsam mit Jatahy entwickelt. Den Text schrieben Jatahy, Moura und Lucas Paraizo. Neben Moura stehen Julia Bernat und Danilo Grangheia auf der Bühne. Für die brasilianische Regisseurin und den Schauspieler ist es die erste gemeinsame Arbeit; in Frankreich erlebt die Produktion beim 80. Festival von Avignon ihre Premiere.

Der reale Fall eines Whistleblowers wird hier nicht nachgestellt. Gerade diese Trennung zwischen Fiktion und Gegenwart macht den Abend jedoch so nahbar. Thomas Stockmann ist eine literarische Figur, aber sein Konflikt berührt Erfahrungen, die viele Gesellschaften kennen: Wer darf alarmieren? Wessen Stimme gilt als glaubwürdig? Und wie schnell wird aus einer Warnung der Vorwurf, die Gemeinschaft zu schädigen?

Die Aufführung dauert zwei Stunden und 15 Minuten und wird auf brasilianischem Portugiesisch gespielt; französische und englische Übertitel sind vorgesehen. Nach der Vorstellung am 19. Juli folgen weitere Termine am 20., 21. und 22. Juli 2026, jeweils im Gymnasium des Lycees Aubanel in Avignon. Das Festival läuft noch bis zum 25. Juli. Der Abend zeigt Theater nicht als Flucht aus der Wirklichkeit, sondern als Ort, an dem ein Saal für kurze Zeit Verantwortung teilen muss.

Quellen

  • Festival von Avignon, Programmseite zu "Un proces"
  • Franceinfo, Kulturbeitrag zum Stück
  • Le Monde, Bericht vom Festival von Avignon

Artikel mit Hilfe künstlicher Intelligenz erstellt (Transparenzhinweis im Sinne von Artikel 50 der Verordnung (EU) 2024/1689 – EU AI Act).