Es sind Sätze, die man zweimal liest, weil sie so schwer zu glauben sind. Zwei Jugendliche, 14 und 16 Jahre alt, eingesperrt im Kofferraum eines Autos, verschleppt in einen Wald nördlich von Nantes. Dort Schläge, Todesdrohungen, eine Waffe an der Schläfe. Und schließlich der Befehl, das eigene Grab auszuheben.
Die Tat ereignete sich in der Nacht von Freitag auf Samstag in der Region Loire-Atlantique. Was zunächst wie eine gewöhnliche Auseinandersetzung begann, eskalierte binnen Minuten zu einem Gewaltverbrechen, das selbst erfahrene Ermittler sprachlos macht. Mehrere maskierte und bewaffnete Männer überwältigten die beiden Jugendlichen, sperrten sie in den Kofferraum und fuhren sie in ein abgelegenes Waldgebiet zwischen La Chapelle-sur-Erdre und Treillières.
Dort mussten sich die Opfer ausziehen. Dann folgten Schläge, Drohungen, ein makabres Ritual der Einschüchterung. Eine Waffe wurde an die Schläfen der Jugendlichen gedrückt, der Tod greifbar nah. Schließlich die Aufforderung, ein Loch in den Waldboden zu graben. Kein symbolischer Akt, sondern eine Botschaft, kalt und eindeutig. Wer hier die Kontrolle hat, entscheidet über Leben und Tod.
Und dann, plötzlich, der Abbruch. Die Täter verschwinden. Die beiden Jugendlichen bleiben zurück, nackt, verletzt, allein im Wald. Man stelle sich diesen Moment vor. Dunkelheit, Kälte, Schock. Kein Handy, kein Plan. Also laufen sie los. Irgendwo muss doch ein Haus sein. Irgendwer.
Sie haben Glück. In der ersten bewohnten Unterkunft, an deren Tür sie klopfen, finden sie Hilfe. Der Bewohner alarmiert die Rettungskräfte, die Jugendlichen kommen in medizinische Betreuung. Die Gendarmerie übernimmt.
Die Ermittlungen laufen seitdem auf Hochtouren. Der Staatsanwalt von Nantes spricht von Entführung, Freiheitsberaubung und schwerer Gewalt. Im Fokus steht offenbar ein mögliches Abrechnungsdelikt im Umfeld des Drogenhandels, verbunden mit territorialen Konflikten rivalisierender Gruppen. Ein schmutziges Milieu, in das zunehmend auch Minderjährige geraten.
Auffällig bleibt das Schweigen der Opfer. Beide äußern sich bislang nur zurückhaltend gegenüber den Ermittlern. Der jüngere der beiden stammt aus Angers und war seit Monaten als vermisst gemeldet. Details, die Fragen aufwerfen. Und Sorgen.
Immerhin: Am angegebenen Tatort fanden die Ermittler tatsächlich ein frisch gegrabenes Loch. Ein stummer Beweis dafür, dass diese Nacht kein Albtraum war, sondern bittere Realität.
Autor: Daniel Ivers