Kommentar
Herzlichen Glückwunsch, Frankreich!
Es ist Herbst.
Steht jedenfalls im Kalender.
Die Natur selbst hat diese Information offenbar noch nicht erhalten. Wahrscheinlich liegt das Schreiben irgendwo in Paris auf einem Schreibtisch. Bearbeitungszeit: sechs bis acht Wochen.
Früher begann jetzt jene Zeit, in der Nebel über den Weinbergen lag, Kastanien auf die Straßen fielen und man abends erstmals wieder eine Jacke brauchte.
Heute öffnet man Ende September die Tür und denkt: Wer hat den Backofen angelassen?
Der Sommer macht einfach weiter.
Noch Anfang September lagen die Temperaturen in Teilen Frankreichs jenseits von 35 Grad. Früher nannte man das Hochsommer. Heute heißt es gern „ungewöhnlich warme Witterungsphase“.
Ungewöhnlich?
Wenn etwas regelmäßig passiert, ist es irgendwann nicht mehr ungewöhnlich.
Der Herbst verschwindet nicht. Er wird langsam eingequetscht zwischen einem Sommer, der seinen Hintern nicht aus dem Liegestuhl bekommt, und einem Winter, der irgendwann überraschend um die Ecke biegt.
Montag: 31 Grad.
Dienstag: Gewitter.
Mittwoch: Überschwemmung.
Donnerstag: 14 Grad.
Freitag: wieder 27.
Und irgendwo steht jemand vor dem Kleiderschrank und schreit: WAS SOLL ICH DENN JETZT ANZIEHEN?
Das wäre lustig, wenn dahinter nicht ein ernstes Problem stünde.
Wochenlange Trockenheit lässt Böden austrocknen. Kommt endlich Regen, dann immer wieder mit solcher Wucht, dass Wasser oberflächlich abfließt, Straßen überflutet und Keller volllaufen.
Frankreich erlebt damit eine klimatische Absurdität: Wassermangel und Überschwemmungen können Teil derselben Saison sein.
Fantastisch.
Zu wenig Wasser und zu viel Wasser gleichzeitig.
Auch die Wälder bekommen ihr neues Rundumprogramm: Hitze, Trockenstress, Schädlinge und eine verlängerte Brandsaison.
Natürlich verlängern wir ausgerechnet DIESE Saison!
Badesaison verlängern? Wunderbar.
Terrassensaison verlängern? Herrlich.
Waldbrandsaison verlängern?
JA, HER DAMIT!
Für Frankreichs Landwirtschaft hört der Spaß endgültig auf. Weinlesen verschieben sich nach vorn, Hitze und Trockenheit beeinflussen Reben, Erträge und Qualität. Auch Obst-, Gemüse- und Getreideanbau geraten unter Druck.
Eine Rebe ist schließlich kein Getränkeautomat.
Man wirft oben Sonne hinein und unten kommt Bordeaux heraus.
Landwirtschaft lebt von Rhythmen – von Niederschlag, Temperaturen, Böden und Jahreszeiten. Verschieben sich diese Bedingungen, verändern sich Kosten, Erträge und langfristig ganze Anbaugebiete.
Und dann wäre da noch das Wasser.
Dieses vollkommen überschätzte Zeug, das Pflanzen und Menschen aus unerfindlichen Gründen ständig verlangen.
Wer darf wie viel entnehmen? Wer muss sparen? Was bekommt die Landwirtschaft, was die Industrie, was bleibt für Flüsse und Ökosysteme?
Das sind längst keine Fragen für irgendein fernes Jahr 2100.
Sie liegen auf dem Tisch.
Jetzt.
Auch die Städte spüren den verlängerten Sommer. Asphalt und Beton speichern Wärme, Nächte kühlen schlechter aus. Was beim abendlichen Restaurantbesuch mediterran wirken mag, bedeutet für ältere und gesundheitlich belastete Menschen zusätzlichen Stress.
Und erinnern wir uns an 2003?
Damals galt Frankreichs große Hitzewelle als historischer Schock.
Ein Weckruf.
Der Wecker klingelt inzwischen seit über zwanzig Jahren.
IRGENDJEMAND SOLLTE LANGSAM MAL AUFSTEHEN!
Denn Klimawandel bedeutet nicht, dass Frankreich nächsten Donnerstag plötzlich zur Sahara wird.
Er verschiebt Grenzen.
Die Hitze beginnt früher.
Sie bleibt länger.
Trockenperioden dauern an.
Starkregen fällt heftiger.
Ernten verschieben sich.
Wälder geraten unter Stress.
Und jedes einzelne Ereignis lässt sich wunderbar kleinreden.
„So einen heißen September gab es früher auch.“
Natürlich.
Es gab auch früher Dürren, Überschwemmungen und Waldbrände.
Entscheidend sind Häufigkeit, Dauer und Intensität.
Doch langfristige Trends sind unbequem. Ein heißer Nachmittag passt hervorragend auf ein Urlaubsfoto.
Drei Jahrzehnte Klimadaten eher weniger.
Also stellen wir einen Kürbis vor die Haustür und verkünden:
Der Herbst ist da!
Während draußen jemand bei 30 Grad die Markise herunterlässt.
Der Kalender sagt Herbst.
Das Thermometer sagt Sommer.
Der Boden sagt Wassermangel.
Der Wald sagt Stress.
Der Bauer sagt Kosten.
Und wir sagen:
„Herrlich warm heute.“
Na dann.
Schönen Herbst, Frankreich.
Und Sonnencreme nicht vergessen.
Christine Macha