Ausländische Desinformations- und Einflusskampagnen gelten längst als fester Bestandteil hybrider Konfliktführung. Während in Europa über Jahre vor allem russische Informationsoperationen im Mittelpunkt standen, beobachten Cybersicherheitsexperten und westliche Nachrichtendienste inzwischen auch eine wachsende Zahl von Kampagnen, die dem Iran zugeschrieben werden. Ihr Ziel ist dabei weniger die direkte Überzeugung der Öffentlichkeit als vielmehr die gezielte Verstärkung bestehender gesellschaftlicher Spannungen. Frankreich gehört aufgrund seiner innenpolitischen Debatten und seiner Rolle im Nahen Osten zu den bevorzugten Angriffszielen.
Polarisierung statt Propaganda
Die modernen Einflusskampagnen unterscheiden sich grundlegend von klassischer Propaganda. Anstatt eine einzelne politische Botschaft zu verbreiten, versuchen sie, bereits bestehende Konflikte zu verschärfen. Im Mittelpunkt steht die Polarisierung der öffentlichen Debatte.
Dabei treten die beteiligten Accounts meist nicht als offizielle Vertreter eines Staates auf. Stattdessen geben sie sich als gewöhnliche Bürger, Aktivisten, Journalisten oder alternative Medien aus. Über Plattformen wie X, TikTok, Facebook oder Instagram verbreiten sie Inhalte, die gezielt emotionale Reaktionen hervorrufen und die Reichweite kontroverser Themen künstlich erhöhen.
Das eigentliche Ziel besteht darin, das Vertrauen in demokratische Institutionen zu schwächen und den Eindruck einer zunehmend unversöhnlichen Gesellschaft zu erzeugen.
Frankreich als bevorzugtes Ziel
In Frankreich konzentrieren sich diese Kampagnen vor allem auf Themen, die bereits seit Jahren besonders kontrovers diskutiert werden. Dazu zählen:
- der israelisch-palästinensische Konflikt,
- Polizeigewalt,
- Migration,
- Vorwürfe des Neokolonialismus,
- soziale Protestbewegungen,
- gesundheitspolitische und politische Kontroversen.
Charakteristisch ist, dass dieselben Netzwerke durchaus gegensätzliche politische Positionen gleichzeitig verstärken können. So werden regierungskritische Beiträge ebenso verbreitet wie Inhalte aus ideologisch völlig unterschiedlichen politischen Lagern. Entscheidend ist nicht die Unterstützung einer bestimmten Partei, sondern die Radikalisierung möglichst vieler gesellschaftlicher Gruppen.
Unterschiede zu russischen Informationsoperationen
Während russische Einflusskampagnen seit Beginn des Ukraine-Krieges vor allem auf die Delegitimierung westlicher Institutionen, die Unterstützung prorussischer Narrative oder die Schwächung der europäischen Einigkeit abzielen, setzen dem Iran zugeschriebene Operationen andere Schwerpunkte.
Im Mittelpunkt stehen häufig der Nahe Osten sowie die französische Außenpolitik gegenüber Israel. Entsprechende Narrative versuchen, Frankreich als Mitverantwortlichen für israelische Militäroperationen darzustellen oder dessen diplomatische Position grundsätzlich infrage zu stellen. Besonders angesprochen werden Bevölkerungsgruppen, für die der Nahostkonflikt eine hohe politische oder emotionale Bedeutung besitzt.
Die Methoden bleiben weitgehend gleich
Die technischen Vorgehensweisen ähneln jenen anderer staatlicher Einflusskampagnen und sind inzwischen gut dokumentiert. Typisch sind:
- der Aufbau großer Netzwerke glaubwürdig wirkender Fake-Profile,
- der Einsatz automatisierter oder teilautomatisierter Konten,
- koordinierte Veröffentlichungen identischer oder ähnlicher Beiträge,
- künstliche Verstärkung von Hashtags und Diskussionen,
- emotional formulierte Inhalte mit hohem Mobilisierungspotenzial,
- die Vermischung zutreffender Informationen mit irreführenden oder aus dem Zusammenhang gerissenen Behauptungen.
Diese Strategie gilt heute als deutlich wirkungsvoller als die vollständige Erfindung von Falschmeldungen. Statt neue Geschichten zu konstruieren, greifen die Akteure reale gesellschaftliche Konflikte auf und verstärken sie algorithmisch. Fachleute sprechen dabei häufig von „Amplification“ – der künstlichen Verstärkung bereits vorhandener Debatten.
Hybride Kriegsführung im digitalen Raum
Frankreich betrachtet solche Informationsoperationen inzwischen als sicherheitspolitische Herausforderung. Die staatliche Beobachtungsstelle Viginum sowie parlamentarische Untersuchungen weisen seit mehreren Jahren darauf hin, dass ausländische Staaten digitale Plattformen gezielt nutzen, um demokratische Debatten zu beeinflussen und gesellschaftliche Spannungen auszunutzen. Die französische Regierung ordnet diese Aktivitäten dem Bereich der hybriden Kriegsführung zu, bei der militärische, wirtschaftliche, diplomatische und informationelle Mittel miteinander kombiniert werden. Auch Berichte des französischen Außenministeriums und von Viginum verweisen auf eine zunehmende Professionalisierung ausländischer Informationsoperationen und warnen vor einer steigenden Bedrohungslage für demokratische Prozesse. (Frankreich Diplomatie)
Schwierige Zuschreibung
Gleichzeitig bleibt die eindeutige Zuordnung solcher Kampagnen eine der größten Herausforderungen. Anders als bei klassischen Cyberangriffen hinterlassen Informationsoperationen selten eindeutige Spuren.
Forscher analysieren deshalb technische Infrastrukturen, gemeinsame Domainregistrierungen, wiederkehrende Veröffentlichungsmuster, koordinierte Aktivitäten sowie Überschneidungen mit bereits bekannten Netzwerken. Absolute Gewissheit lässt sich daraus jedoch nur selten ableiten.
Aus diesem Grund verwenden Nachrichtendienste und wissenschaftliche Institute bewusst vorsichtige Formulierungen. Sie sprechen von Kampagnen, die einem Staat „zugeschrieben“, „mit ihm in Verbindung gebracht“ oder „wahrscheinlich staatlich gesteuert“ werden.
Die eigentliche Gefahr für Nutzer
Für Nutzer sozialer Netzwerke besteht das größte Risiko nicht darin, auf einen einzelnen Fake-Account hereinzufallen. Wesentlich problematischer ist der künstlich erzeugte Eindruck, eine bestimmte Meinung werde von einer überwältigenden Mehrheit vertreten.
Durch tausende koordinierte Likes, Kommentare, Weiterverbreitungen und automatisierte Interaktionen können vergleichsweise kleine Netzwerke den öffentlichen Diskurs erheblich beeinflussen. Bestimmte Themen erscheinen dadurch deutlich präsenter, als sie tatsächlich sind. So entsteht leicht der Eindruck einer tief gespaltenen Gesellschaft, obwohl diese Wahrnehmung zumindest teilweise das Ergebnis gezielter ausländischer Einflussoperationen ist.
Mit der fortschreitenden Professionalisierung staatlicher Informationskampagnen wird die Fähigkeit, koordinierte Manipulationsversuche zu erkennen und zwischen authentischer öffentlicher Debatte und künstlicher Verstärkung zu unterscheiden, zu einer zentralen Voraussetzung für die Widerstandsfähigkeit demokratischer Gesellschaften.
P. Tiko