Jean Castex, einst Premierminister, heute Chef der Pariser Verkehrsbetriebe RATP – und nun womöglich bald der neue starke Mann bei der SNCF. Emmanuel Macron hat ihn offiziell vorgeschlagen. Klingt nach einer logischen Personalie, doch wer genauer hinschaut, erkennt schnell: Diese Ernennung ist weit mehr als ein simpler Karriereschritt. Sie ist ein politisches Signal, ein gesellschaftliches Risiko – und eine gigantische Herausforderung für den Mann, der künftig das Rückgrat der französischen Mobilität lenken soll.
Ein Karrieresprung mit doppeltem Boden
Castex bringt Erfahrung mit: Verwaltung, Politik, Verhandlungen. Schon 2019 war er im Gespräch für den Posten an der Spitze der Bahn, aber erst mit der RATP gelang ihm der Einstieg ins Transportwesen. Jetzt also der Sprung von der Hauptstadt auf die nationale Bühne.
Doch so glatt der Weg klingt – so knifflig ist er. Denn sofort kommen kritische Fragen auf: Droht ein Interessenkonflikt zwischen der RATP, die selbst Ambitionen auf Regionalstrecken hat, und der SNCF? Wird die Personalie Castex als Präsidenten-Befehl aus dem Élysée wahrgenommen, statt als unternehmerische Entscheidung? Und vor allem: Wie reagieren die Eisenbahnerinnen und Eisenbahner, die traditionell misstrauisch auf Chefs "von außen" blicken?
Ganz am Ende steht noch ein weiteres Hindernis: die parlamentarische Bestätigung. Drei Fünftel Zustimmung in den zuständigen Ausschüssen sind nötig – ein Stolperstein, der Castex’ Start erschweren könnte.
Erstes Problem: Marode Schienen und leere Kassen
Das französische Schienennetz ächzt. Züge rollen über Gleise, die vielerorts längst sanierungsbedürftig sind. Ab 2028 will der Staat jährlich 1,5 Milliarden Euro in die Modernisierung pumpen. Klingt viel, doch bis dahin klafft eine Finanzierungslücke.
Zwischen 2026 und 2028 könnte das Geld schlicht fehlen. Und was passiert, wenn man Instandhaltung aufschiebt? Genau: Signalstörungen, Langsamfahrstrecken, Verspätungen im Stundentakt. Bis zu 2.000 Züge täglich wären betroffen. Castex müsste also schnell entscheiden: lieber neue Kredite, harte Sparmaßnahmen – oder riskieren, dass das Netz in die Knie geht.
Zweites Problem: Konkurrenz auf offener Strecke
Die Zeiten des Monopols sind vorbei. Europäisches Recht zwingt zur Öffnung des Marktes, vor allem im Regionalverkehr. Bis 2033 sollen viele Linien ausgeschrieben werden. Die RATP – Castex’ bisherige Wirkungsstätte – reibt sich bereits die Hände.
Das bringt ihn in eine heikle Lage. Einerseits muss er als SNCF-Chef den Wettbewerb bestehen, andererseits jeden Anschein von Begünstigung oder Benachteiligung vermeiden. Und währenddessen erwarten Bahnreisende zuverlässige Züge, günstige Preise und gute Verbindungen auch in ländlichen Regionen.
Dazu kommen die Gewerkschaften, die jede Schwächung des Beamten-ähnlichen Eisenbahnerstatus fürchten. Wer glaubt, dass hier ein „Marktregeln regeln das schon“ ausreicht, irrt gewaltig.
Drittes Problem: Ein Pulverfass namens Sozialklima
Die SNCF ist kein normales Unternehmen. Sie ist ein Symbol, ein Machtfeld, ein Spiegel französischer Konfliktkultur. Seit der großen Bahnreform 2018 brodelt es. Löhne, Arbeitszeiten, Stellenabbau – alles potenzielle Sprengsätze.
Castex gilt als ruhiger Vermittler. Bei der RATP hat er sich Respekt erarbeitet. Aber dort war die Bühne kleiner. Nun steht er im Rampenlicht einer nationalen Großmacht, wo jeder Fehler eine Streikwelle auslösen könnte. Wer die SNCF führen will, muss nicht nur Zahlen im Griff haben, sondern auch Stimmungen.
Viertes Problem: Vertrauen und politisches Gewicht
Seine erste Prüfung ist das Parlament. Ein schwaches Vertrauensvotum würde seine Autorität von Beginn an schmälern. Selbst mit höherer Zustimmung bleibt die Skepsis: Kann ein Mann, der erst die RATP führte und nun die SNCF übernehmen soll, wirklich neutral bleiben?
Noch wichtiger: Er braucht eine klare Vision. Frankreichs Regionen wollen ihre kleinen Strecken erhalten, das Finanzministerium fordert Einsparungen, und die Öffentlichkeit erwartet modernere, pünktlichere Züge. Wer all das unter einen Hut bringen will, braucht mehr als Verwaltungsroutine – er braucht strategische Fantasie.
Ein mutiger Schritt – oder ein Himmelfahrtskommando?
Castex’ Wechsel von der RATP zur SNCF ist mehr als eine Personalie. Es ist ein Machtakt, der die Weichen für die französische Bahnpolitik der kommenden Jahre stellt. Er bringt Glaubwürdigkeit, politische Vernetzung und Verhandlungsgeschick mit.
Doch das reicht vielleicht nicht. Denn die SNCF ist kein stilles Verwaltungsgebäude, sie ist ein brodelnder Kosmos aus Interessen, Traditionen und Erwartungen. Scheitert Castex daran, schnell sichtbare Fortschritte zu erzielen – bei Finanzen, Netzqualität, Arbeitsklima – wird ihm die Kritik - und der Job - gnadenlos entgleisen.
Die eigentliche Frage lautet also: Schafft er es, die Bahn wieder zu einem Motor nationaler Einheit zu machen? Oder bleibt er ein Verwalter im Dauerstreit zwischen Paris, den Regionen, den Gewerkschaften und Brüssel?
Von C. Hatty