À la une

Jugendschutz: Nîmes greift mit nächtlicher Ausgangssperre durch

Die Nacht wird zur Sperrzone – zumindest für Minderjährige unter 16 Jahren in Nîmes. Ab dem 21. Juli 2025 greift dort eine Maßnahme, die in ihrer Konsequenz an Notstandspolitik erinnert: ein nächtliches Ausgangsverbot von 21 Uhr bis 6 Uhr morgens in bestimmten Stadtteilen, die zuletzt durch brutale Auseinandersetzungen zwischen Drogenbanden in die Schlagzeilen geraten sind.…

Illustration Pixabay

Die Nacht wird zur Sperrzone – zumindest für Minderjährige unter 16 Jahren in Nîmes. Ab dem 21. Juli 2025 greift dort eine Maßnahme, die in ihrer Konsequenz an Notstandspolitik erinnert: ein nächtliches Ausgangsverbot von 21 Uhr bis 6 Uhr morgens in bestimmten Stadtteilen, die zuletzt durch brutale Auseinandersetzungen zwischen Drogenbanden in die Schlagzeilen geraten sind. Was klingt wie ein dystopischer Plot, ist bittere Realität – und ein drastischer Schritt gegen eskalierende Gewalt.

Denn in den Straßen von Pissevin, Valdegour oder Mas de Mingue tobt seit Wochen ein Bandenkrieg, bei dem auch Kugeln fliegen. Ein junger Mann wird erschossen, ein anderer später verbrannt aufgefunden – das Umfeld: Drogenszene, Revierkämpfe, mafiöse Strukturen. Die DZ Mafia, eine Organisation aus Marseille, soll involviert sein. Szenen wie aus einem Film, doch für die Bewohner:innen Nîmes ist es brutaler Alltag.

Der Bürgermeister Jean-Paul Fournier spricht von einer „präventiven Maßnahme“. Ziel sei, die Jugendlichen zu schützen – davor, selbst Opfer zu werden oder in kriminelle Aktivitäten hineingezogen zu werden. Ob das gelingt?

Parallel wird aufgerüstet: Die Polizei erhält Verstärkung durch eine zweite Einheit der Compagnies Républicaines de Sécurité (CRS). Spezialisten des Innenministeriums reisen an, Ermittler:innen sollen entlastet, Strukturen zerschlagen werden. Behörden, Stadt und soziale Träger sitzen inzwischen regelmäßig an einem Tisch – auch das ein Zeichen für den Ernst der Lage.

Doch bei allem Verständnis für die Härte der Maßnahme: Das Couvre-feu polarisiert. Kritiker:innen warnen vor Symbolpolitik, vor einer Stigmatisierung junger Menschen aus ohnehin benachteiligten Vierteln. Wo bleibt die Hilfe am Tag, fragen sie, wenn abends plötzlich alle zu Tätern oder potenziellen Opfern erklärt werden?

Und tatsächlich: Das Vertrauen in staatliche Lösungen bröckelt. In den betroffenen Vierteln herrscht Angst – nicht nur vor den Banden, sondern auch vor Isolation. Postfilialen schließen, kommunale Dienste ziehen sich zurück, und viele Familien überlegen, die Koffer zu packen. Ein Klima, das weniger an urbane Konfliktlösung erinnert als an Fluchtreflex.

Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass der Ausnahmezustand allein kein Heilmittel ist. Wer Kriminalität bekämpfen will, muss an ihren Wurzeln ansetzen: Armut, Perspektivlosigkeit, mangelnde Bildungs- und Freizeitangebote. Es braucht Sozialarbeiter:innen genauso wie Ermittler:innen. Eine langfristige Strategie, die Vertrauen schafft statt Misstrauen zu säen.

Denn eine Frage schwebt über allem: Was passiert, wenn das Couvre-feu endet?

Nîmes steht symbolisch für ein Dilemma, das viele Städte betrifft – nicht nur in Frankreich. Der Kampf gegen Drogengewalt lässt sich nicht allein mit Blaulicht und Ausgangssperren gewinnen. Es braucht Mut zur Veränderung, Ausdauer – und manchmal auch unbequeme Fragen an das eigene System.

Von C. Hatty

Ende des Artikels