Ein gewöhnlicher Vormittag in Thouars, einer beschaulichen Stadt im Département Deux-Sèvres. In der Mitte des Ortes, im Bar-Tabac „Le Prem’s“, herrscht das übliche Treiben – bis plötzlich ein unerwarteter Gast die Szenerie betritt: Präsident Emmanuel Macron persönlich. Kein Konvoi, keine Ankündigung – einfach da.
„Ich war gerade dabei, Gäste zu bedienen“, erzählt Nicolas Cossard, Mitinhaber des Lokals. „Da sehe ich um zehn Uhr Macron, wie er Hände schüttelt.“ Der Präsident nahm zwei Kaffee – schwarz, wie man hört – und bestellte gleich noch eine Runde für alle. Politisches Smalltalk inklusive: lokale Arbeitsplätze, die Bedeutung kleiner Unternehmen – ein klassischer Macron-Moment. Nahbar, spontan, vielleicht auch kalkuliert.
Denn so überraschend der Besuch im PMU-Bar auch wirkte – es war nicht das erste Mal. Schon am 18. März war Macron unangekündigt im „Bar des 4 Fesses“ in Chaumont aufgetaucht. In einer Zeit, in der Politik oft als abgehoben gilt, scheint der Präsident auf direkte Begegnung zu setzen. Das Volk da abholen, wo es sitzt – mit einem Kaffee in der Hand.
Doch der wahre Grund seiner Reise lag ein paar Straßen weiter.
Nur wenig später stand der Präsident in den Werkshallen der Firma Asselin – einem Traditionsbetrieb für historische Holzverarbeitung, der sich auf Restaurierungen von Kulturerbe spezialisiert hat. Auch bei Notre-Dame war man dabei. Von 11:30 bis 14:00 Uhr nahm sich Macron Zeit, sprach mit den Mitarbeitenden, hörte zu. Laut François Asselin, ehemaliger Präsident der Confédération des PME, zeigte sich der Präsident „besonders aufmerksam und sehr sachkundig“ beim Thema Handwerkskunst.
Doch zwischen all dem Lob für französisches Know-how kam auch ein Thema zur Sprache, das vielen exportorientierten Unternehmen auf den Nägeln brennt: die US-Zölle.
Einige könnten denken, das sei doch ein globales Thema, das mit einem Betrieb aus Thouars kaum etwas zu tun hat. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Die Firma Asselin erzielt bis zu 20 % ihres Umsatzes in den USA – Restaurierungsaufträge an amerikanischen Kulturbauten gehören zum Geschäft. Ein Zoll von 20 % auf französische Tischlereiprodukte würde dieses Geschäftsmodell massiv ins Wanken bringen.
„Die Launen eines US-Präsidenten können für uns existenzielle Folgen haben“, bringt es François Asselin auf den Punkt.
Ein deutliches Beispiel dafür, wie internationale Politik direkt in die Werkshallen Frankreichs hineinwirkt. Und womöglich ein Grund mehr für Macron, genau dort Präsenz zu zeigen. In einem Handwerksbetrieb, der nicht nur Geschichte bewahrt, sondern auch die Zukunft einer Region mitprägt.
In Thouars beschäftigt die Firma rund 140 Mitarbeitende – nicht wenig in einer Kleinstadt. Das Büro in Atlanta zeigt, wie weit ein Stück französisches Holz kommen kann. Aber wie lange noch?
Macrons Besuch war mehr als nur ein PR-Stunt mit Kaffee. Er war ein Zeichen – dafür, dass die großen politischen Entscheidungen manchmal ganz klein beginnen. In einem Café. In einem Holzlager. In einem Gespräch über Zölle.
Und vielleicht auch in der Frage, ob ein Präsident, der die Hand reicht und einen Kaffee spendiert, näher ist als man denkt.
Von C. Hatty