Wer an einem kühlen Morgen durch den Skulpturenpark des LaM – Lille Métropole Musée d’art moderne, d’art contemporain et d’art brut in Villeneuve-d’Ascq geht, spürt sofort diese eigentümliche Mischung aus Weite und Konzentration. Feuchtes Gras, ein Himmel in nordfranzösischem Grau, dazwischen Betonflächen, die sich selbstbewusst gegen das Wetter behaupten. Nach Monaten der Renovierung öffnet das Haus wieder seine Türen – und setzt mit einer Retrospektive zu Vassily Kandinsky ein Zeichen.
Kein lautes Spektakel.
Sondern ein ästhetischer Paukenschlag.
Kandinsky, 1866 in Moskau geboren, ausgebildeter Jurist, der sich spät und entschlossen der Malerei zuwandte, gilt als Wegbereiter der Abstraktion. Als Mitbegründer der Künstlergruppe Der Blaue Reiter und späterer Lehrer am Bauhaus prägte er nicht nur eine Bildsprache, sondern eine Denkweise. Farbe und Form lösten sich aus der Pflicht zur Abbildung. Sie erhielten Eigenwert, Klang, Spiritualität.
Und genau hier setzt die Ausstellung an.
Statt einer bloß chronologischen Abfolge entfaltet sich im LaM eine Dramaturgie, die fast musikalisch wirkt. Frühwerke mit noch erkennbaren Landschaften und Figuren stehen neben streng konstruierten Kompositionen aus der Bauhaus-Zeit. Dazwischen eruptive Farbflächen, Linien, die sich überschneiden, Kreise, die im Raum zu schweben scheinen. Man erlebt die Abstraktion nicht als plötzlichen Bruch, sondern als inneren Prozess.
Das hat Wucht.
In den ersten Sälen begegnet man einem Kandinsky, der noch ringt. Bayerische Dorfansichten, Reiterszenen, Motive, die an russische Volkskunst erinnern. Doch schon hier beginnt die Form zu vibrieren. Konturen lösen sich, Farben gewinnen an Eigenleben. Wer genau hinschaut, erkennt: Der Schritt in die Gegenstandslosigkeit erfolgte nicht aus Trotz, sondern aus Überzeugung.
Kandinsky suchte nach einer Malerei, die das Innere sichtbar macht.
Er sprach von der „inneren Notwendigkeit“, von Farben, die wie Töne klingen. Blau – tief, geistig, fast entrückt. Gelb – exzentrisch, beweglich. Rot – kraftvoll, vital. Diese Gedanken begleiten die Ausstellung, ohne sie zu dominieren. Die Wandtexte erklären, ohne zu belehren. Das Publikum erhält Werkzeuge – die Deutung bleibt offen.
Das tut gut.
Denn Abstraktion schreckt viele zunächst ab. „Das kann doch mein Kind auch“, hört man gelegentlich in Museen. Im LaM verstummt dieser Satz rasch. Die Kompositionen offenbaren eine Präzision, die nichts dem Zufall überlässt. Besonders die Arbeiten aus den 1920er-Jahren, in denen Kreise, Geraden und Diagonalen in ein fragiles Gleichgewicht treten, zeugen von einer Strenge, die fast mathematisch anmutet. Und doch pulsiert unter dieser Ordnung ein emotionaler Strom.
Genau dieses Spannungsverhältnis macht die Retrospektive so sehenswert.
Die Kuratoren verzichten bewusst auf die reine Präsentation der berühmten Ikonen. Natürlich finden sich zentrale Werke, jene großformatigen Kompositionen, die längst in den Kanon eingegangen sind. Doch daneben treten Studien, Skizzen, grafische Experimente. Man sieht den Künstler bei der Arbeit, im Suchprozess, im Zweifel. Kandinsky erscheint nicht als entrückter Meister, sondern als rastloser Forscher.
Das ist ziemlich erfrischend.
Für das LaM besitzt diese Ausstellung programmatischen Charakter. Das Museum vereint moderne Kunst, zeitgenössische Positionen und Art Brut – eine in Frankreich seltene Kombination. Mit Kandinsky wendet es sich einer historischen Figur zu, ohne in Nostalgie zu verfallen. Vielmehr betont die Präsentation, wie aktuell seine Fragen geblieben sind.
In einer Zeit, in der Bilderfluten soziale Netzwerke dominieren und Aufmerksamkeitsspannen schrumpfen, fordert Kandinskys Malerei Langsamkeit. Sie verlangt Hingabe. Wer sich auf die Leinwände einlässt, erlebt keine schnelle Pointe, sondern einen allmählichen Sog. Linien beginnen zu tanzen, Farbfelder scheinen zu atmen. Man steht davor – und merkt plötzlich, wie still es im eigenen Kopf wird.
Gar nicht so schlecht, oder?
Hinzu kommt eine europäische Dimension. Kandinsky wirkte in Russland, Deutschland und Frankreich. Politische Umbrüche begleiteten sein Leben, Exil und Neuanfang prägten seinen Weg. In der Metropolregion Lille, einem Knotenpunkt zwischen Belgien, Frankreich und Deutschland, erhält diese Biografie eine zusätzliche Resonanz. Kunst als verbindendes Element über Grenzen hinweg – ein Gedanke, der angesichts aktueller Spannungen beinahe tröstlich wirkt.
Die renovierten Räume des Museums unterstützen diesen Eindruck. Helle Wände, großzügige Abstände zwischen den Werken, klare Wegeführung. Der Blick schweift, ohne sich zu verlieren. Und draußen im Park setzen Skulpturen den Dialog zwischen Raum und Form fort.
Am Ende bleibt das Gefühl, einem Künstler neu begegnet zu sein, den man längst zu kennen glaubte. Kandinsky erscheint hier nicht als ferne Figur aus kunsthistorischen Lehrbüchern, sondern als Zeitgenosse, der Fragen stellt, die uns betreffen: Wie entsteht Bedeutung? Wie klingt Farbe? Und wie viel Ordnung braucht die Freiheit?
Das LaM gibt darauf keine endgültigen Antworten.
Zum Glück.
Von C. Hatty