Zwei Jahre alt. Drei Jahre alt. Manchmal noch nicht einmal geboren. Und doch schon obdachlos.
Am Vorabend des Schulbeginns 2025 zeigt sich in Frankreich eine stille, aber tiefgreifende humanitäre Krise: Über 2.100 Kinder verbringen die Nächte auf der Straße – ohne Dach über dem Kopf, ohne Schutz, ohne Perspektive. Ein Befund, den UNICEF Frankreich gemeinsam mit der Fédération des acteurs de la solidarité (FAS) veröffentlicht hat. Mitten in einem der reichsten Länder Europas.
Was läuft hier schief?
Die Straße als Zuhause: Eine dramatische Bilanz
2.159 Kinder. Darunter 503 im Windelalter – jünger als drei Jahre. Diese Zahlen sind kein einmaliger Ausreißer, keine statistische Anomalie. Im Gegenteil: Seit 2022 hat sich die Situation kontinuierlich verschärft. In nur drei Jahren ist die Zahl obdachloser Kinder um 30 Prozent gestiegen.
Und das, obwohl die französische Regierung 2023 ein hehres Ziel formulierte: „Zéro enfant à la rue“ – kein Kind mehr auf der Straße. Was gut klang, blieb in der Realität Wunschdenken. Überfüllte Notunterkünfte, steigende Mieten, ein stockender Wohnungsbau und eine Politik, die trotz aller Versprechungen hinterherhinkt, lassen das Ziel in weite Ferne rücken.
Besonders betroffen: Ballungsräume und Überseegebiete
Die größten Notstandsregionen? Wenig überraschend: die Ballungsräume. In der Île-de-France rund um Paris, aber auch in Auvergne-Rhône-Alpes, Okzitanien und Hauts-de-France sind besonders viele Familien betroffen. Hier explodieren die Wohnkosten, und der soziale Wohnungsbau kommt nicht hinterher.
Doch der Blick in die französischen Überseegebiete offenbart eine noch erschütterndere Realität. Auf La Réunion waren 2024 über 1.000 Kinder ohne feste Unterkunft. Ein Drittel von ihnen noch im Krabbelalter. Armut und strukturelle Vernachlässigung sind dort keine Randerscheinung, sondern Alltag.
Ein Kind stirbt, und niemand schaut hin
855 Menschen starben 2024 in Frankreich auf der Straße – darunter 31 Kinder.
Dreißig und Eins.
Man muss diesen Satz zweimal lesen, um seine Wucht zu begreifen. Es sind Zahlen, die den Atem stocken lassen. Kinder, die an Unterkühlung, Krankheit, Gewalt oder einfach an Vernachlässigung sterben. In einem Europa des 21. Jahrhunderts.
Für viele bleibt die Straße nicht nur ein Ort der Unsicherheit, sondern ein lebensgefährlicher Raum. Kein Zugang zu ärztlicher Versorgung, keine Ruhe, kein Schlaf. Kein Kind kann unter solchen Bedingungen wachsen, geschweige denn lernen oder spielen.
„Was fehlt, ist nicht das Geld, sondern der Wille“
Diese Worte stammen von Adeline Hazan, Präsidentin von UNICEF Frankreich. Und sie treffen ins Mark.
Denn Frankreich hat die Mittel. Es hat das Know-how. Es gibt engagierte Fachkräfte, bewährte Programme, Studien, Lösungsansätze. Was fehlt, ist eine entschlossene, durchdachte und langfristige politische Strategie – jenseits von Wahlversprechen.
Die humanitären Organisationen fordern deshalb einen klaren Kurswechsel. Mehr Plätze in Unterkünften, die auf die Bedürfnisse von Familien zugeschnitten sind. Eine mehrjährige Planung „von der Straße bis in die Wohnung“. Und endlich ein echter, wirksamer Ausbau des sozialen Wohnungsbaus.
Verantwortung, die nicht delegierbar ist
Frankreich hat die Kinderrechtskonvention unterzeichnet. Und sich damit verpflichtet, jedem Kind Schutz, Obdach und Würde zu garantieren.
Die aktuelle Situation? Eine eklatante Verletzung dieser Rechte. Es geht längst nicht mehr um Versäumnisse – es geht um eine strukturelle Verweigerung.
Die Verantwortung liegt bei der Regierung, bei den Kommunen – aber auch bei der Gesellschaft. Denn Armut ist keine Naturkatastrophe. Sie ist menschengemacht. Und deshalb auch behebbar.
Was wäre, wenn es das eigene Kind wäre?
Eine Frage, die wehtut. Und genau deshalb gestellt werden muss.
Jetzt ist Zeit zu handeln – nicht zu reden
Die Sommerferien sind vorbei. Frankreichs Kinder kehren zurück in die Klassenzimmer. Manche von ihnen kommen aus stabilen Familien, mit gefüllten Ranzen und klaren Zukunftsplänen.
Andere haben die Nacht auf Pappkartons verbracht. Im Auto geschlafen. Im Wartezimmer einer Notaufnahme. Wieder andere standen vor verschlossenen Türen von Notunterkünften – abgewiesen, weil kein Platz mehr war.
Es ist an der Zeit, dass kein einziges Kind mehr in Frankreich auf der Straße schlafen muss. Nicht morgen, nicht nächstes Jahr. Sondern jetzt.
Denn jedes Kind, das heute kein Zuhause hat, ist ein Kind, dem morgen die Zukunft fehlt.
Andreas M. Brucker