Alle Artikel

Konflikt um die Pariser Pride 2025: Wenn rechte Ideologie auf queere Sichtbarkeit trifft

Es brodelt in der LGBTQIA+-Community – und das nicht nur vor Vorfreude auf die bevorstehende Pride in Paris am 28. Juni. Ein Konflikt hat sich zugespitzt, der nicht nur die Parade, sondern das Selbstverständnis der Bewegung in ihren Grundfesten erschüttert. Denn erstmals hat ein identitärer, rechtsextremer Zusammenschluss namens „Eros“ angekündigt, mitmarschieren zu wollen. Und das…

Screenshot Wikipedia

Es brodelt in der LGBTQIA+-Community – und das nicht nur vor Vorfreude auf die bevorstehende Pride in Paris am 28. Juni.

Ein Konflikt hat sich zugespitzt, der nicht nur die Parade, sondern das Selbstverständnis der Bewegung in ihren Grundfesten erschüttert. Denn erstmals hat ein identitärer, rechtsextremer Zusammenschluss namens „Eros“ angekündigt, mitmarschieren zu wollen.

Und das hat Sprengkraft.

Der Name klingt wie ein antiker Gott der Liebe – doch das Weltbild, das die Gruppe „Eros“ vertritt, ist alles andere als liebevoll. Gegründet im Jahr 2024 von Yohan Pawer, einem ehemaligen Kandidaten der rechtspopulistischen Partei Reconquête! und Mitgliedern rund um das Rassemblement National, tritt Eros als Kollektiv „patriotischer Schwuler“ auf. Ihre Agenda: Kampf gegen „woke und LGBT-Ideologie“, gegen „massive Einwanderung“ und gegen eine vermeintliche „Islamisierung“ Frankreichs.

In ihren eigenen Worten ist das ein „Aufstand der Normen“.

Für die queere Community: ein Angriff auf das Fundament ihrer jahrzehntelangen Emanzipation.

Brisant: Obwohl Eros die Pride öffentlich als „marche des déchets“ – also als „Marsch des Mülls“ – verhöhnt, will die Gruppe beim Umzug durch Paris präsent sein. Und das nicht irgendwie. Yohan Pawer behauptet, er habe von einem Mitarbeiter des Innenministers Bruno Retailleau die Zusage erhalten, dass 50 CRS-Beamte (also Bereitschaftspolizisten) seinen Auftritt schützen werden.

Ein politischer Schutzschild für eine Gruppe, die offen trans- und fremdenfeindlich auftritt? Das bringt die Stimmung zum Kochen.

Der Widerstand gegen die Ankündigung kam prompt – und entschieden.

In einer viel beachteten gemeinsamen Stellungnahme in der Zeitung Le Monde positionierten sich Persönlichkeiten wie Virginie Despentes, Anna Mouglalis und Ian Brossat sowie zahlreiche LGBTQIA+-Organisationen deutlich gegen die Teilnahme von Eros. Ihr Vorwurf: Der Staat mischt sich gezielt in zivilgesellschaftliche Mobilisierungen ein, um reaktionäre Kräfte zu stärken.

Eine gefährliche Normalisierung des Rechtsextremismus – unter dem Deckmantel pluralistischer Toleranz?

Die Organisatoren der Pride, das Bündnis Inter-LGBT, haben sich unmissverständlich geäußert: Eros habe keine offizielle Anmeldung eingereicht. Und: „Kein wilder Block wird akzeptiert.“

Clara Privé, Vizepräsidentin der Inter-LGBT, bringt es auf den Punkt: Sollte Eros auftauchen, startet der Zug nicht. Ein klares Ultimatum. Und ein mutiger Schritt, der deutlich macht: Die Pride ist kein beliebiger Straßenumzug. Sie ist ein politisches Symbol – mit klaren Werten.

Was steckt hinter dem Versuch von Eros, sich gerade diese Parade anzueignen?

Die Strategie ist nicht neu – und hochgefährlich. Seit einigen Jahren beobachten Politikwissenschaftler europaweit, wie rechtsextreme Gruppierungen gezielt Minderheitenstrategien kopieren: Sie inszenieren sich als Opfer, beanspruchen Diskriminierungsschutz und versuchen so, sich in gesellschaftliche Debatten einzuschleichen.

Das Kalkül: Wenn selbst „patriotische Schwule“ gegen Migration und Genderdiversität aufmarschieren – wie kann man ihnen da widersprechen? Ein perfider Taschenspielertrick, der auf mediale Verwirrung und politische Verwässerung setzt.

Der Auftritt von Eros bei der Pride-Parade wäre keine Teilnahme – sondern eine Provokation.

Denn die Pride wurde nicht erkämpft, um jenen Raum zu geben, die queere Existenzen nur unter Vorbehalt akzeptieren. Wer die Rechte von Transpersonen leugnet, wer „LGBT-Ideologie“ ruft, um Vielfalt zu diffamieren, steht nicht an der Seite der Community.

Er steht ihr gegenüber.

Diese Eskalation legt offen, wie brüchig das gesellschaftliche Fundament ist, auf dem die Rechte queerer Menschen ruhen. Wie schnell politische Machtverhältnisse kippen können – und mit ihnen die Schutzräume, die über Jahre aufgebaut wurden.

Und sie erinnert daran, dass Sichtbarkeit stets erkämpft wurde. Nie geschenkt.

Aber was bedeutet das konkret für den 28. Juni?

Die Mobilisierung läuft. Zahlreiche Gruppen haben sich hinter die Linie von Inter-LGBT gestellt. Es gibt Solidaritätsaufrufe, öffentliche Erklärungen, klare Worte. Doch auch die andere Seite rührt sich.

In sozialen Netzwerken rufen rechte Influencer zur Unterstützung von Eros auf – die Stimmung ist aufgeheizt. Ein Tag der Vielfalt könnte zum Schauplatz einer gesellschaftlichen Zerreißprobe werden.

Wie schützt man eine Parade, ohne ihre Offenheit zu verraten? Wie grenzt man aus, ohne zu spalten? Wie verteidigt man Räume – ohne sich selbst in ihnen zu verlieren?

Fragen, die am 28. Juni nicht nur über Paris schweben werden, sondern über ganz Europa.

Denn was hier geschieht, hat Signalwirkung.

Für Rechte. Für Sichtbarkeit. Für Zusammenhalt.

Autor: C. Hatty

Quellen:

https://www.lemonde.fr/idees/article/2025/06/25/marche-des-fiertes-l-etat-entend-peser-sur-la-composition-des-corteges-en-favorisant-deliberement-la-presence-de-groupes-identitaires_6615758_3232.html

https://www.streetpress.com/sujet/1750780259-gay-patriote-eros-pride-marche-fiertes-manif-transphobe-xenophobe-extreme-droite-retailleau

https://www.ldh-france.org/25-juin-2025-tribune-collective-virginie-despentes-anna-mouglalis-ian-brossat-et-un-collectif-accepter-la-presence-dun-groupe-identitaire-au-sein-de-la-pride-revient-a-acter-un/

Ende des Artikels