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Frankreich

Korsika: Wer Autonomie verspricht und sie verweigert, verspielt Vertrauen

KOMMENTAR | 27. Oktober 2026 Frankreichs Senat hat die Verfassungsreform für Korsika zu Fall gebracht. Premierminister Sébastien Lecornu will nun neue Gespräche. Doch das eigentliche Problem liegt tiefer: Eine Republik, die ihre Einheit mit politischer Gleichförmigkeit verwechselt, gefährdet ausgerechnet jenen Zusammenhalt, den sie bewahren möchte. Vier Jahre lang wurde verhandelt, gestritten, vermittelt. Vier Jahre lang…

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KOMMENTAR | 27. Oktober 2026

Frankreichs Senat hat die Verfassungsreform für Korsika zu Fall gebracht. Premierminister Sébastien Lecornu will nun neue Gespräche. Doch das eigentliche Problem liegt tiefer: Eine Republik, die ihre Einheit mit politischer Gleichförmigkeit verwechselt, gefährdet ausgerechnet jenen Zusammenhalt, den sie bewahren möchte.

Vier Jahre lang wurde verhandelt, gestritten, vermittelt. Vier Jahre lang sollte aus einem historischen Konflikt eine politische Verständigung werden. Dann kam der französische Senat – und zerlegte den mühsam gefundenen Kompromiss. Mit 181 gegen 134 Stimmen wurde die Korsika-Reform verworfen. Nun sollen neue Gespräche retten, was parlamentarisch zerstört wurde.

Das ist mehr als eine politische Niederlage. Es ist ein Lehrstück darüber, wie ein Zentralstaat Vertrauen verspielt.

Einheit ist nicht Gleichförmigkeit

Frankreich liebt seine Republik. Und es misstraut allem, was ihre Einheit vermeintlich gefährdet. Seit der Revolution von 1789 gilt das französische Staatsvolk als unteilbar. Dieses Prinzip schützt die Gleichheit der Bürger. Doch es wird problematisch, wenn aus der Gleichheit vor dem Gesetz die Forderung nach institutioneller Gleichförmigkeit wird.

Korsika besitzt eine eigene Sprache, eine besondere Geschichte und eine ausgeprägte kulturelle Identität. Diese Wirklichkeit verschwindet nicht dadurch, dass man sie verfassungsrechtlich umformuliert.

Genau das versuchte die Senatsmehrheit. Statt einer historisch und kulturell geprägten korsischen Gemeinschaft sollte nur noch ein besonderes kulturelles Erbe anerkannt werden. Das klingt nach juristischer Feinjustierung. Tatsächlich berührt es die Frage, ob der Staat eine lebendige politische Gemeinschaft anerkennt oder lediglich ihre Folklore würdigt.

Gewiss: Eine Demokratie muss verhindern, dass kulturelle Zugehörigkeit unterschiedliche Bürgerrechte begründet. Aber daraus folgt nicht, dass regionale Identität verfassungsrechtlich bedeutungslos bleiben muss.

Autonomie braucht Macht, nicht nur Worte

Noch deutlicher wird der Widerspruch bei den Zuständigkeiten. Korsika sollte mehr Möglichkeiten erhalten, eigene Angelegenheiten zu regeln. Der Senat wollte diese Befugnisse jedoch weiterhin eng an Genehmigungen aus Paris binden.

Autonomie, die für wesentliche Entscheidungen immer wieder um Erlaubnis bitten muss, verdient ihren Namen nur eingeschränkt.

Dabei ist die französische Republik längst kein völlig einheitliches Verwaltungsgebilde mehr. Unterschiedliche territoriale Regelungen gehören zu ihrer Verfassungswirklichkeit. Warum sollte ausgerechnet Korsika nicht mehr Verantwortung übernehmen dürfen, solange Rechtsstaatlichkeit, Grundrechte und staatliche Kernkompetenzen gewahrt bleiben?

Die Antwort darauf darf nicht allein aus der Angst vor einem Präzedenzfall bestehen.

Die Republik muss Vertrauen wagen

Lecornus Gesprächsangebot ist notwendig. Doch Gespräche allein ersetzen keine politische Entscheidung. Die Autonomisten müssen kompromissbereit bleiben. Der Senat wiederum darf seine verfassungsrechtliche Verantwortung nicht mit einem grundsätzlichen Misstrauen gegenüber regionaler Selbstbestimmung verwechseln.

Die Geschichte Korsikas zeigt, wie gefährlich es ist, politische Erwartungen immer wieder zu enttäuschen. Wer demokratische Autonomie blockiert, stärkt nicht zwangsläufig die Republik. Er riskiert vielmehr, jene Kräfte zu schwächen, die ihre Zukunft innerhalb Frankreichs suchen.

Eine starke Republik erkennt man nicht daran, wie viel Macht sie festhält. Sondern daran, wie viel Verantwortung sie ihren Bürgern zutraut.

Von Andreas Brucker

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