Ein ganzes Städtchen im Aufbruch – mit einem Lächeln im Gesicht. In Andrézieux-Bouthéon, einer kleinen Gemeinde unweit von Saint-Étienne im französischen Département Loire, herrscht im Dezember keine gewöhnliche Stimmung. Statt grauer Mienen und kalter Stimmung hat der Bürgermeister zur guten Laune verpflichtet. Per offiziellem Erlass.
Was wie ein vorgezogener Aprilscherz klingt, ist tatsächlich Realität. Die Bürgerinnen und Bürger des Ortes sollen bis zum Jahreswechsel nicht nur gute Laune verbreiten, sondern auch bunte Kleidung tragen und das Leben kulinarisch genießen. Alles im Namen der Fröhlichkeit. Ein Experiment im Miniaturformat – und ein Statement gegen die bleierne Schwere des Alltags.
„Jeder hat ein strahlendes Lächeln zu zeigen.“ So steht es gleich im ersten Artikel des ungewöhnlichen Gemeindebeschlusses. Keine Drohung, kein Zwang, sondern ein symbolischer Impuls, der sich auf Papier genauso heiter liest, wie er in den Gassen des Ortes aufgenommen wird.
Im örtlichen Bistro, das von Juliette und Thomas geführt wird, hängt der Beschluss gut sichtbar an der Eingangstür. Wer eintritt, sieht nicht nur die gedruckten Zeilen, sondern auch die lachenden Augen der Wirtsleute. Juliette trägt einen orangefarbenen Pullover, lacht viel – und fühlt sich ganz offenbar im Einklang mit der neuen Verordnung: „Ich finde das einfach genial. Das macht Spaß“, sagt sie, während sie Gäste bedient und sich an den vielen Reaktionen erfreut.
Der Humor hat Konjunktur in diesem Dezember. Die Gäste lachen, scherzen und reden mehr miteinander als sonst. Zwischen Kaffeetasse und Croissant wird die neue gute-Laune-Offensive diskutiert – mit viel Charme und noch mehr Ironie. Frédéric etwa, ein grauhaariger Mittsechziger mit schiefem Lächeln, beschließt: „Ab heute hör ich auf, schlechte Laune zu haben.“ Seine Frau Véronique ist ohnehin bestens vorbereitet – sie trägt bunte Kleidung „das ganze Jahr über“ und isst, wie sie sagt, „immer mit Freude“. Ihre Botschaft: „Vielleicht hilft’s ja wirklich denen, die sich schwerer tun.“
Der kleine Ort wirkt in diesen Tagen wie ein sozialer Versuch, der das Verbindende stärkt – mit einfachen Mitteln. Man grüßt sich wieder häufiger. Redet miteinander. Und entdeckt sogar im Banalen einen Hauch von Zauber.
Thomas, der Bistrobesitzer, glaubt, dass der Bürgermeister einen Nerv getroffen hat. „Das tut einfach gut. Mal etwas Leichtigkeit. Man kann doch nicht immer alles so ernst nehmen.“ In seinem Lokal fliegen die Späße wie Tischtennisbälle durch die Luft. Die Kundschaft lacht, bleibt sitzen, trinkt noch einen Kaffee – und strahlt. Nicht aus Pflicht, sondern aus Lust am Leben.
Auch Simone, 87 Jahre alt und Stammgast im Bistro, zeigt sich gerührt. „Ich finde das wundervoll. Es ist schön, wenn man sich grüßt, sich unterhält. Das ist nicht mehr selbstverständlich.“ Ihre Stimme klingt dabei ein wenig brüchig – aber voller Wärme. Für sie ist dieser Dezember ein Geschenk. „Ich hoffe, das bleibt so, auch nach Neujahr.“
Natürlich weiß jeder, dass der Erlass keine rechtliche Verbindlichkeit besitzt. Niemand wird bestraft, wenn er mürrisch durch die Straßen läuft oder ein graues Jackett trägt. Doch der symbolische Wert ist enorm. Denn gerade in einer Zeit, in der soziale Kälte, politische Verunsicherung und wirtschaftliche Sorgen vielerorts die Oberhand gewinnen, wirkt eine derart verspielte Maßnahme fast revolutionär.
Ein kleiner Ort entscheidet sich, der Tristesse etwas entgegenzusetzen – mit Farbe, Lächeln und Lebensfreude. Kein Sarkasmus, kein Spott. Nur ein spielerischer Aufruf, den Dezember nicht dem grauen Einerlei zu überlassen. Vielleicht ist das mehr, als viele große Städte in diesen Tagen von sich behaupten können.
In Andrézieux-Bouthéon wird der Winter jedenfalls bunt. Und das Herz ein kleines Stück leichter.
Von C. Hatty