Die Berge kennen keine Gnade.
Am vergangenen Wochenende traf ein neuer Lawinenabgang die französischen Alpen mit voller Wucht – zwei erfahrene Skitourengeherinnen verloren nahe La Chapelle-d’Abondance im Département Haute-Savoie ihr Leben. Die beiden Frauen, 51 und 55 Jahre alt, stammten aus der Region Chablais. Was als sportlicher Wintertag begann, endete unter anderthalb Metern Schnee.
Am Sonntagmorgen brachen sie zu einer Skitour auf, einer jener anspruchsvollen Routen, die fernab präparierter Pisten verlaufen und gerade deshalb so viele begeistern. Ihr Fahrzeug blieb auf einem Parkplatz zurück, dem Ausgangspunkt eines beliebten Anstiegs. Als die Frauen am Abend nicht heimkehrten, wuchs die Unruhe. In Bergregionen kennt man dieses Gefühl – es ist die stille, nagende Ahnung, dass etwas nicht stimmt.
Erst am Montag gelang es den Rettungskräften, die Vermissten zu lokalisieren. Ein Team der Bergrettung rückte aus, unterstützt von einem Helikopter Dragon 74. Die Retter nutzten Lawinenverschüttetensuchgeräte, sogenannte DVA, um die Signale der unter dem Schnee begrabenen Sender aufzuspüren. Schließlich stießen sie auf die beiden Körper, verschüttet in unterschiedlicher Tiefe, bis zu 1,5 Meter unter der Oberfläche. Für die Frauen kam jede Hilfe zu spät.
Der Lawinenlagebericht hatte für diesen Tag die Gefahrenstufe 3 von 5 ausgewiesen – „erheblich“. Nach kräftigen Schneefällen und anschließendem Tauwetter galt die Schneedecke als instabil. Solche Bedingungen begünstigen sogenannte Schneebrettlawinen, die sich an steilen Hängen spontan lösen oder durch geringste Zusatzbelastung ausgelöst werden. Wer dann abseits markierter Pisten unterwegs ist, bewegt sich buchstäblich auf brüchigem Fundament.
Der Unfall fügt sich in eine besorgniserregende Bilanz dieses Winters. Seit Saisonbeginn starben in Frankreich bereits rund dreißig Menschen durch Lawinen – deutlich mehr als im Vorjahr. Besonders betroffen sind Freerider und Skitourengeher, die bewusst das freie Gelände suchen. Die jüngsten Unglücke, unter anderem tödliche Lawinenabgänge in Val d’Isère und anderen alpinen Regionen, zeigen ein wiederkehrendes Muster: Faszination trifft auf Naturgewalt.
Skitourengehen gilt als Königsdisziplin des Wintersports. Der Aufstieg aus eigener Kraft, die Abfahrt im unverspurten Hang – das hat etwas Archaisches, beinahe Meditatives. Doch Autonomie in den Bergen verlangt mehr als Kondition. Sie verlangt Demut. Sicherheitsausrüstung wie DVA, Sonde und Schaufel gehört inzwischen zur Grundausstattung, ebenso wie die sorgfältige Lektüre des Lawinenlageberichts. Und dennoch verlassen sich manche auf Erfahrung, Intuition oder schlicht auf das Prinzip Hoffnung. Wird schon gutgehen – ein Satz, der in den Alpen selten verlässlich ist.
Hinzu kommt ein Klima, das aus dem Takt gerät. Wechsel zwischen starkem Schneefall und raschem Temperaturanstieg destabilisieren die Schneeschichten zunehmend. Die gewohnten Muster verlieren an Verlässlichkeit, Prognosen werden komplexer. Wer heute im Hochgebirge unterwegs ist, bewegt sich in einem Umfeld, das dynamischer und schwerer kalkulierbar erscheint als noch vor wenigen Jahrzehnten.
Für die Gemeinden im Chablais bedeuten die beiden Todesfälle weit mehr als eine statistische Zahl. In kleinen Bergorten kennt man sich, man teilt die Leidenschaft für die Natur – und die Trauer trifft ins Mark. Der Ruf nach besserer Aufklärung, intensiverer Ausbildung und verantwortungsbewusstem Verhalten wird lauter. Doch die zentrale Frage bleibt: Wie viel Freiheit erlaubt der Berg?
Die Alpen ziehen Jahr für Jahr mehr Menschen an, die das Ursprüngliche suchen. Zwischen Abenteuerlust und Sicherheitsdenken verläuft eine schmale Spur. Wer sie betritt, sollte wissen, dass der Berg kein Verhandlungspartner ist.
Von C. Hatty