Ein erster Blick auf die Vulkanstadt.
Wer in der Auvergne unterwegs ist und Le Puy-en-Velay links liegen lässt, verpasst einen der eindrucksvollsten Orte Frankreichs. Schon bei der Anfahrt beeindruckt das Stadtbild: Über den Dächern recken sich Basaltkuppen mit monumentalen Statuen und Kapellen in den Himmel – wie gemalt wirkt dieses Panorama. Und kaum angekommen, ist man mittendrin in einer Stadt, die mit Spiritualität, Geschichte und ganz viel Herz punktet.
Vom Bahnhof zum Wunder aus Stein
Der Spaziergang beginnt am Bahnhof. Von hier aus führt ein gemächlicher Weg über die Rue Saint-Jacques, vorbei an kleinen Läden und Bäckereien, die nach frischgebackenem Brot duften. Nach rund zehn Minuten öffnet sich der Blick auf das Herzstück von Le Puy: die Kathedrale Notre-Dame-de-l’Annonciation.
Schon der Aufstieg ist ein Erlebnis. Eine steile Treppe aus Vulkangestein schraubt sich empor – man kommt ordentlich ins Schnaufen, aber was einen oben erwartet, ist es allemal wert. Die Kathedrale mit ihrer schwarz-weißen Fassade ist ein Juwel der Romanik. Drinnen herrscht eine fast greifbare Stille. Pilger knien vor der Schwarzen Madonna – einer Statue, die seit Jahrhunderten verehrt wird.
Auf zu den Höhen: Zwei Gipfel, zwei Wunder
Wer noch Luft in den Lungen hat, steuert den Rocher Corneille an. Der Aufstieg zur Statue Notre-Dame de France ist knackig, aber der Blick über Stadt und Umgebung sprengt jede Postkarte. Die riesige Marienfigur thront über allem – gegossen aus den Kanonen des Krimkriegs. Welch ein Symbol!
Und wenn man denkt, mehr geht nicht, zeigt sich in der Ferne ein weiteres Highlight: die Kapelle Saint-Michel d’Aiguilhe. Wie ein Adlernest klebt sie auf einer 82 Meter hohen Basaltspitze. Der Weg dorthin führt durch verschlungene Gässchen, vorbei an Boutiquen, Ateliers und charmanten Cafés. Oben angekommen, schweift der Blick weit über das Land – ein Ort, der fast ehrfürchtig still macht.
Zwischen Vulkanstein und Fachwerk
Zurück in der Altstadt lässt man sich einfach treiben. Die Gassen von Le Puy erzählen ihre Geschichten – von Händlern, Pilgern, Adligen. Hier ein Renaissance-Haus mit geschnitztem Balkon, dort ein versteckter Innenhof mit plätscherndem Brunnen. Und überall diese wohltuende Ruhe – als ob die Zeit hier gemächlicher läuft.
Kultur mit Takt und Trompeten
Ein echtes Highlight ist das Renaissance-Festival im September. Dann wird die Stadt zur Bühne: Trommler marschieren durch die Straßen, Handwerker in historischen Gewändern zeigen ihre Kunst, der Duft von Met und Fladenbrot liegt in der Luft. Ein Spektakel, das jedes Mittelalterherz höherschlagen lässt.
Und wer zur richtigen Zeit da ist – nämlich am 15. August –, erlebt das Fest Mariä Himmelfahrt. Die Prozession zur Kathedrale bewegt sich durch die Straßen, begleitet von Kerzen, Gesängen und einer beeindruckenden Stimmung. Gänsehaut garantiert.
Ein Fest für den Gaumen
Und was wäre eine Reise ohne Schlemmen? Le Puy ist berühmt für seine grünen Linsen – zart, aromatisch und auf Vulkanboden gewachsen. Ob als Salat mit Ziegenkäse oder als feines Linsengemüse mit Entenbrust: Hier wird’s nie langweilig auf dem Teller.
Dazu gesellt sich ein Käseangebot, das jede Fromagerie in Verzückung versetzt. Besonders der aus der Region stammende Velay-Käse überrascht mit seiner mild-würzigen Note. Und dann wäre da noch der „Verveine du Velay“ – ein Kräuterlikör, der mit über 30 Pflanzen angesetzt wird. Ein Gläschen nach dem Essen? Na klar!
Ein Ort, der bleibt
Le Puy-en-Velay ist keine Stadt, die man schnell abhakt. Es ist ein Ort, der hängen bleibt – im Gedächtnis, im Herzen, irgendwo ganz tief drin. Vielleicht liegt’s an der stillen Präsenz der Berge, vielleicht an der langen Geschichte oder den vielen Begegnungen mit Pilgern, die mit Rucksack und Stock durch die Straßen ziehen.
Oder ist es das Gefühl, angekommen zu sein – mitten in Frankreich, aber auch ein bisschen bei sich selbst?
Ein Reisebericht von V.O.Yager