Während sich auf der Croisette im Mai alles um rote Teppiche, Blitzlichtgewitter und Filmstars dreht, gibt es einen Ort in Cannes, der sich dem Glamour entzieht – und stattdessen mit Geschichte, Charme und echtem Leben punktet: Le Suquet.
Dieses Viertel, das sich auf dem Mont-Chevalier erhebt, ist das ursprüngliche Herz der Stadt – und ein Muss für alle, die Cannes abseits des Festivalrummels erleben wollen.
Ein Spaziergang durch die Jahrhunderte
Le Suquet ist nicht einfach nur alt – es ist der Ursprung von Cannes.
Schon in der Antike lebten hier ligurische Stämme, später kamen die Römer. Im Mittelalter errichteten sie das Castellum Marcellini, das im Jahr 960 an die mächtige Familie de Grasse überging. Rund um diese Festung wuchs ein kleines Dorf – mit engen Gassen, Mauern und der Kirche Notre-Dame-de-l’Espérance, einem Schmuckstück aus dem 16. Jahrhundert.
Ein Bummel durch die kopfsteingepflasterten Straßen wirkt wie eine kleine Zeitreise. Die Rue Saint-Antoine zum Beispiel: eng, charmant und voller typischer Restaurants, wo man fast vergisst, dass unten am Meer die Stars über den roten Teppich stolzieren.
Ein kleiner Anstieg führt zur 22 Meter hohen Tour du Suquet. Oben angekommen? Atemberaubender Blick – pardon – fantastischer Ausblick auf Cannes und das glitzernde Mittelmeer. Gleich daneben: das Musée de la Castre im alten Schloss. Wer sich für primitive Kunst, mediterrane Altertümer oder Musikinstrumente aus aller Welt interessiert, ist hier goldrichtig.
Ruhepol mit Charakter
Ganz anders als der Lärm und das Gewusel auf der Croisette, bleibt Le Suquet gelassen. Die Gassen? Eng und verwinkelt. Die Häuser? Bunt, mit Fensterläden, wie man sie sich in Südfrankreich erträumt. Hier nimmt man sich Zeit. Für einen Kaffee. Für ein Gespräch. Für das Leben.
Am Fuß des Hügels lockt der Marché Forville – ein lebendiger Markt voller Farben, Düfte und Stimmen. Hier verkaufen Einheimische Gemüse, Fisch, Käse und Blumen. Die Atmosphäre? Fast familiär. Wer wissen will, wie Cannes wirklich schmeckt, kommt hierher.
Zwischen Kultur und Kontrabass
Klar, Cannes steht im Mai ganz im Zeichen des Films. Doch selbst mitten im Festivalbetrieb bleibt Le Suquet ein kultureller Rückzugsort. Jeden Sommer verwandelt sich der Platz vor der Notre-Dame-de-l’Espérance in eine Bühne – die Nuits musicales du Suquet bringen klassische und zeitgenössische Musik unter freiem Himmel zusammen.
Wer hätte gedacht, dass man abends in einer alten Kirche auf einem Hügel klassische Musik hören kann, während unten am Strand gefeiert wird?
Festivalflair, aber bitte entspannt
Natürlich ist das Filmfestival nicht weit. Und trotzdem wirkt Le Suquet wie eine andere Welt. Viele Filmschaffende und Festivalgäste suchen bewusst diesen Rückzugsort – hier lassen sich Pläne schmieden, Projekte besprechen und neue Kontakte knüpfen, ganz ohne Blitzlichtgewitter.
Einige Restaurants des Viertels gelten inzwischen als Geheimtipps der Branche. Wer hier sitzt, sieht vielleicht keine Weltstars, aber echte Gespräche, ehrliche Begegnungen – und das ist manchmal mehr wert.
Wusstest du, dass Robert De Niro 2025 mit einer Ehrenpalme ausgezeichnet wird? Und dass Juliette Binoche die Jury anführt? Während unten das Festival seinen Lauf nimmt, erinnert Le Suquet daran, dass Cannes weit mehr ist als nur Film.
Der Herzschlag der Stadt
Ein Besuch in Le Suquet ist kein Programmpunkt – es ist ein Erlebnis. Wer den Hügel erklimmt, wird belohnt: mit Geschichte, Ausblicken und einer ganz besonderen Atmosphäre. Zwischen alten Steinen, dem Duft von Bouillabaisse und einem Glas Rosé auf einer kleinen Terrasse wird klar – hier schlägt das wahre Herz von Cannes.
Warum also nicht beides erleben? Den Glamour des Festivals – und die Seele der Stadt?
Le Suquet bleibt das lebendige Gedächtnis von Cannes, ein Ort, an dem Geschichte, Kultur und Alltag verschmelzen. Wer hier war, wird den Hügel so schnell nicht vergessen.
Ein Reisebericht von V.O.Yager