Eine Kampagne mit Symbolkraft – aber auch mit begrenzter Wirkung: Die Ende Februar auf Korsika gestartete Initiative „Déposons les armes“ ist am 4. Mai offiziell zu Ende gegangen. Ihr Ziel war klar formuliert: Bürgerinnen und Bürger sollten die Möglichkeit erhalten, illegal besessene Waffen straffrei abzugeben. Ein Versuch, Spannungen zu entschärfen, die Zahl der Schusswaffen auf der Insel zu verringern – und ein deutliches Zeichen für eine dauerhafte Rückkehr zur zivilen Ordnung zu setzen.
Was blieb, ist ein durchwachsener Eindruck. Etwas mehr als 80 Schusswaffen und rund 3.000 Patronen wurden abgegeben – ein eher bescheidener Wert im Vergleich zu ähnlichen Aktionen, etwa der nationalen Initiative in ganz Frankreich von 2022, bei der über 2.500 Waffen eingesammelt wurden. Dennoch spricht Korsikas Präfekt Franck Robine nicht von einem Misserfolg. Für ihn ist es ein „ermutigendes Signal“ – Ausdruck eines allmählichen Umdenkens in einer Region, die tief von politischer Gewalt, familiären Fehden und organisierter Kriminalität geprägt ist.
Eine Insel mit eigener Dynamik
Wer Korsika verstehen will, muss etwas tiefer graben. Die Insel hat eine komplizierte Beziehung zum französischen Zentralstaat – und auch zum Thema Waffen. Der Besitz von Schusswaffen ist hier nicht nur Teil der Jagdtradition oder Selbstschutz – sondern oft Ausdruck von Unabhängigkeitsbestrebungen oder eben auch Teil krimineller Strukturen.
Der militante Nationalismus Korsikas hat sich zwar seit Jahren weitgehend entwaffnet. Doch der gewaltsame Tod des korsischen Aktivisten Yvan Colonna in einem französischen Gefängnis im Jahr 2022 brachte alte Spannungen zurück auf die Tagesordnung. Seither ist die Diskussion über mehr Autonomie wieder entfacht – und mit ihr die Angst vor neuer Gewalt. In diesem Klima den Bürgern die freiwillige Entwaffnung nahezulegen, war nicht weniger als ein Drahtseilakt.
Ein Zeichen der Annäherung
Doch Zahlen allein greifen zu kurz. Für die Initiatoren war die Kampagne vor allem ein symbolischer Schritt. Präfekt Robine betont, dass mit der Aktion neue Gesprächskanäle zur Bevölkerung geöffnet und das Waffenbild entmystifiziert worden sei. In Ajaccio, Bastia und Porto-Vecchio standen temporäre Sammelpunkte bereit – begleitet von persönlichen Gesprächen zwischen Bürgern und Polizei, zwischen Skepsis und vorsichtiger Offenheit.
Doch nicht alle teilen den Optimismus. Manche Lokalpolitiker kritisieren die zu schwache Kommunikation, das Fehlen einflussreicher Vermittler innerhalb der Gemeinschaften – und vor allem das, was man auf Korsika oft nur andeutet: die allgegenwärtige Kultur des Schweigens. Wer eine Waffe besitzt – aus welchen Gründen auch immer – gibt sie nicht leichtfertig ab. Vertrauen ist in dieser Gesellschaft keine Selbstverständlichkeit.
Was kommt jetzt?
Für die Regierung war die Sammelaktion nur ein Anfang. Innenminister Gérald Darmanin sprach von einem „ermutigenden Start“ – und kündigte weitere Maßnahmen an: Aufklärung in Schulen, besseres Waffenregister für Jäger, Unterstützung für Gemeinden, die sich aktiv für ein friedlicheres Zusammenleben einsetzen.
Doch es braucht mehr als Programme und Appelle. Es braucht ein Fundament aus Vertrauen, Dialog und einem respektvollen Umgang mit der Identität Korsikas. Die Illegalität des Waffenbesitzes ist am Ende nur das sichtbare Symptom – nicht die Ursache. Der Weg zu einer entwaffneten, friedlichen Insel führt über gesellschaftliche Anerkennung und politische Augenhöhe.
Bleibt die Frage: Ist Korsika bereit, seine Waffen nicht nur physisch, sondern auch in den Köpfen niederzulegen?
Von M.A.B.