Jahr für Jahr verlassen Dutzende Franzosen ihr Land – nicht aus Abenteuerlust oder beruflichen Gründen, sondern um im Ausland zu sterben. Ihr Ziel: Länder wie Belgien oder die Schweiz, in denen aktive Sterbehilfe oder assistierter Suizid erlaubt sind. Was wie ein düsteres Kapitel klingt, ist für viele die letzte Hoffnung auf eine würdevolle und selbstbestimmte letzte Etappe im Leben.
Ein Thema, das unter die Haut geht.
Der letzte Ausweg über die Grenze
Im Jahr 2024 ließen sich 106 französische Staatsbürger in Belgien aktiv das Leben nehmen. 2023 waren es 101, 2022 noch 53. Ein kontinuierlicher Anstieg, der eine klare Botschaft sendet: Die Menschen wollen immer öfter selbst entscheiden, wann und wie ihr Leben endet. Auch die Schweiz, die "nur" assistierten Suizid erlaubt, zählt eine wachsende Zahl französischer Patienten – auch wenn die offiziellen Zahlen hier weniger präzise sind.
Viele dieser Menschen haben eine teils jahrelange, emotionale Achterbahnfahrt hinter sich. Der Grund liegt in der französischen Gesetzeslage. Die sogenannte Claeys-Leonetti-Gesetzgebung aus dem Jahr 2016 erlaubt zwar tiefe Sedierung bis zum Tod – allerdings nur für sterbenskranke Patienten mit kurzer Lebenserwartung. Wer an Alzheimer, Parkinson oder psychischen Leiden wie schwerer Depression leidet, geht leer aus.
Persönliche Geschichten hinter nüchternen Zahlen
Marie-Hélène, 62 Jahre alt, kämpfte gegen einen aggressiven Brustkrebs. Als keine Therapie mehr anschlug und sie in Frankreich keine Optionen mehr hatte, begann sie, sich über assistierten Suizid in der Schweiz zu informieren. Ihre Reise: von Arzt zu Anwalt, von Formular zu Formular – ein Spießrutenlauf, der sie nicht nur Nerven, sondern auch tausende Euro kostete.
Oder Alain Cocq. Ein Name, der in Frankreich bekannt wurde, weil er offen über sein Leiden sprach. Mit einer unheilbaren Krankheit konfrontiert, bat er den Präsidenten um Erlaubnis zur Sterbehilfe. Als das abgelehnt wurde, entschied er sich, die Nahrung zu verweigern – öffentlich und unter Schmerzen. Schließlich reiste er 2021 in die Schweiz, um dort seinem Leben ein Ende zu setzen.
Diese Einzelschicksale stehen exemplarisch für viele andere. Manche sprechen darüber, viele tun es im Stillen.
Rechtslage im Vergleich: Frankreich, Belgien, Schweiz
Während in Belgien die aktive Sterbehilfe seit 2002 gesetzlich erlaubt ist – sogar bei psychischen Erkrankungen unter strengen Auflagen –, erlaubt die Schweiz den assistierten Suizid. Wichtig dabei: Die Hilfe zum Sterben darf nicht aus eigennützigen Motiven erfolgen. Beide Länder ermöglichen, was in Frankreich rechtlich tabu ist.
In Frankreich gab es zwar einen ersten Vorstoß zur Lockerung: Im April 2024 wurde ein Gesetzesentwurf für „aide à mourir“ – also Hilfe beim Sterben – vorgestellt. Doch auch dieser bleibt restriktiv: Nur sterbenskranke Menschen mit absehbarem Todeszeitpunkt könnten davon profitieren. Wer chronisch krank ist, neurodegenerativ leidet oder psychisch erkrankt ist, bleibt weiterhin außen vor.
Ein halber Schritt vorwärts, sagen Kritiker – und viele Betroffene fühlen sich erneut ausgeschlossen.
Gesellschaftlicher Sprengstoff mit wachsendem Druck
Laut einer Umfrage von Ifop aus dem Jahr 2021 befürworten 93 Prozent der Franzosen die Möglichkeit zur Sterbehilfe oder zum assistierten Suizid bei unheilbaren, qualvollen Krankheiten. Das ist eine satte Mehrheit – und doch geschieht politisch nur zögerlich etwas.
Warum also bleibt das Gesetz hinter der öffentlichen Meinung zurück? Der Diskurs ist von ethischen Dilemmata geprägt: Wo beginnt Autonomie, wo endet der Schutz des Lebens? Politiker, Ärzte, Juristen und Philosophen ringen um Worte, Definitionen und Grenzen.
Die Realität jedoch ist konkreter. Wer nicht warten will, plant seine letzte Reise selbst – samt Testament, medizinischen Gutachten, Übersetzungen und Flügen ins Ausland.
Der letzte Wille als Protest
Die Zahl der Sterbereisenden wächst. Und mit ihnen die Zahl der Stimmen, die laut werden. In sozialen Netzwerken teilen Angehörige ihre Erfahrungen, Aktivisten veröffentlichen offene Briefe, Ärzte berichten von hilflosen Momenten.
Die Menschen wollen nicht mehr schweigen – sie fordern, dass ihr Leid gesehen wird. Nicht als medizinisches Versagen, sondern als Ausdruck eines Wunsches nach Kontrolle über das eigene Schicksal.
Bleibt da nicht eine zentrale Frage offen: Wie lange will eine aufgeklärte Gesellschaft noch hinsehen, ohne zu handeln?
Was jetzt?
Der Diskurs ist nicht vorbei – im Gegenteil. Frankreich steht vor einem Wendepunkt. Es braucht keine polemischen Debatten, sondern Mut zur Empathie und zu einer Gesetzgebung, die nicht pauschal ausschließt, sondern differenziert entscheidet.
Denn jeder Mensch verdient am Ende seines Lebens das gleiche Maß an Respekt, wie am Anfang. Ob dieser letzte Weg in einem Hospiz, in der eigenen Wohnung oder in einem Schweizer Sterbezentrum endet – das sollte jeder für sich selbst entscheiden dürfen.
Nicht die Politik, nicht die Religion – sondern das eigene Ich.
Von Andreas M. Brucker