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Licht ins Dunkel der Lohntüten: Frankreich wagt den Tabubruch beim Gehalt

Lange war es in Frankreich eine unausgesprochene Regel: Über Geld spricht man nicht – erst recht nicht über das eigene Gehalt. Doch mit einem neuen Gesetz, das im Juni 2026 in Kraft tritt, könnte sich dieses gesellschaftliche Stillhalteabkommen dem Ende zuneigen. Künftig dürfen Beschäftigte Auskunft über das durchschnittliche Gehalt von Kolleginnen und Kollegen auf vergleichbarer…

Illustration Markus Spiske

Lange war es in Frankreich eine unausgesprochene Regel: Über Geld spricht man nicht – erst recht nicht über das eigene Gehalt. Doch mit einem neuen Gesetz, das im Juni 2026 in Kraft tritt, könnte sich dieses gesellschaftliche Stillhalteabkommen dem Ende zuneigen. Künftig dürfen Beschäftigte Auskunft über das durchschnittliche Gehalt von Kolleginnen und Kollegen auf vergleichbarer Position verlangen. Ein Vorstoß, der nicht nur neue Transparenz verspricht, sondern auch tieferliegende soziale Dynamiken aufbrechen könnte – mit Chancen, aber auch Risiken.

Vom Schweigen zur Forderung: Woher das Lohntabu kommt

Frankreich ist kein Einzelfall: In vielen europäischen Ländern gilt das Gehalt als ein privates Thema, das man höchstens mit der Steuerberatung teilt. Der Ursprung dieses Schweigens ist historisch und kulturell bedingt. In Frankreich etwa war die Lohnfindung über Jahrzehnte stark gewerkschaftlich geprägt und orientierte sich an branchenspezifischen Tarifverträgen – ein kollektivierter Rahmen, in dem individuelle Gehaltsverhandlungen weniger Bedeutung hatten.

Mit dem Übergang zu stärker individualisierten Arbeitsverhältnissen, variablen Vergütungsmodellen und leistungsbezogenen Boni wurde der Lohn zunehmend zu einer persönlichen und diskreten Angelegenheit. Dass sich diese Verschwiegenheit halten konnte, hat auch mit sozialen Normen zu tun: In einer Gesellschaft, die Gleichheit hochhält, werden Einkommensunterschiede schnell als ungerecht empfunden – selbst wenn sie erklärbar wären.

Transparenz als Gleichstellungsinstrument?

Die neue Regelung, die Teil einer breiteren EU-Initiative zur Lohntransparenz ist, soll helfen, insbesondere die geschlechtsspezifischen Lohnunterschiede zu reduzieren. Die Europäische Kommission hatte bereits 2021 eine Richtlinie auf den Weg gebracht, die Arbeitgeber verpflichtet, Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen offen zu legen und begründen zu können. Frankreich setzt diese Vorgaben nun um.

Unternehmen werden damit künftig stärker in die Pflicht genommen, nicht nur Gleichheit zu predigen, sondern auch faktisch umzusetzen. Dass dies funktionieren kann, zeigt das Beispiel des Unternehmens Manutan, das in Frankreich bereits freiwillig Lohntransparenz praktiziert. Dort wurden interne Gehaltsunterschiede systematisch analysiert und ein Budget zur Angleichung bereitgestellt. Für viele Mitarbeitende, wie die Logistikverantwortliche Kelly Benkemoun, ist das kein Eingriff in die Privatsphäre, sondern ein Ausdruck von Fairness: „Ich habe kein Tabu beim Thema Gehalt. Wenn die Leistung stimmt, ist das Gehalt gerechtfertigt – unabhängig vom Geschlecht.“

Zwischen Gerechtigkeit und Gruppendynamik

Doch nicht alle begrüßen die neue Offenheit. Die Erfahrungen aus der Praxis zeigen, dass Transparenz nicht automatisch zu Harmonie führt. Wie Olinda Marques, Betreiberin eines Friseursalons in Gonesse, berichtet, führte die Offenlegung der Gehälter in einem früheren Betrieb zu Spannungen unter den Kolleginnen: "Die super Team-Stimmung war plötzlich weg, weil alle anfingen zu vergleichen." Eine Anekdote, die auf ein bekanntes sozialpsychologisches Phänomen verweist: Relative Einkommensunterschiede – nicht absolute – beeinflussen maßgeblich das Gerechtigkeitsempfinden.

Soziale Vergleiche, vor allem in Teams mit ähnlichen Aufgabenprofilen, können schnell in Neid, Frust oder gar Demotivation umschlagen. Wer das Gefühl hat, bei gleicher oder gar besserer Leistung schlechter bezahlt zu werden, wird nicht selten die Loyalität zum Unternehmen infrage stellen. Das wiederum erhöht den Druck auf Führungskräfte, Gehaltsentscheidungen nicht nur nachvollziehbar, sondern auch kommunizierbar zu gestalten.

Ein Kulturwandel in Etappen

Dass Frankreich diesen Schritt nun wagt, ist auch Ausdruck eines schrittweisen kulturellen Wandels. Die neue Generation auf dem Arbeitsmarkt – geprägt durch Plattformarbeit, soziale Netzwerke und Werte wie Diversität und Gerechtigkeit – fordert zunehmend Einblick in Prozesse und Strukturen. Die Illusion eines neutralen, marktgetriebenen Lohnsystems wird brüchig. Immer mehr junge Menschen stellen die Frage nach dem „Warum“ hinter der Zahl auf ihrer Gehaltsabrechnung.

Gleichzeitig setzen Unternehmen auf mehr Transparenz, um Vertrauen zu stärken. „Je weniger transparent wir sind, desto eher glauben Mitarbeitende, dass wir etwas verbergen“, sagt Antoine Dru, HR-Direktor bei Manutan. „Transparenz ist ein Vertrauensvorschuss, den wir geben – und zurückbekommen.“

Doch der Gesetzgeber geht nicht so weit, eine vollständige Offenlegung individueller Gehälter zu verlangen. Stattdessen soll der Durchschnittsverdienst vergleichbarer Positionen zugänglich gemacht werden. Eine Maßnahme, die sensibel zwischen individuellem Datenschutz und kollektivem Anspruch auf Fairness austariert ist.

Frankreich bewegt sich damit auf einem schmalen Grat: Zwischen dem Schutz individueller Privatsphäre und dem berechtigten Interesse an mehr Lohngerechtigkeit. Ob sich der Tabubruch langfristig als konstruktiv erweist, wird sich daran entscheiden, wie offen, nachvollziehbar und respektvoll in Betrieben über Geld gesprochen wird – und ob daraus tatsächlich gerechtere Strukturen entstehen.

Autor: Andreas M. Brucker

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