Der französische Rechtspopulismus steht vor einem Wendepunkt. Marine Le Pen, die langjährige Galionsfigur des Rassemblement National (RN), sieht sich mit einer juristischen Hürde konfrontiert, die ihre politische Zukunft infrage stellt. Gleichzeitig rückt Jordan Bardella, ihr politischer Ziehsohn und aktueller Parteivorsitzender, ins Zentrum der Aufmerksamkeit und könnte zur neuen Leitfigur des RN avancieren.
Le Pens juristisches Dilemma
Im Frühjahr 2025 wurde Marine Le Pen in erster Instanz wegen Veruntreuung europäischer Parlamentsgelder verurteilt. Neben einer Haftstrafe erhielt sie ein fünfjähriges Verbot, öffentliche Ämter auszuüben. Le Pen bestreitet die Vorwürfe und hat Berufung eingelegt. Dennoch ist ungewiss, ob sie rechtzeitig zur Präsidentschaftswahl 2027 erneut kandidieren darf. Die mögliche Inhaftierung oder das politische Abstellgleis einer der bekanntesten Oppositionspolitikerinnen des Landes stellt nicht nur das Kräfteverhältnis innerhalb des RN infrage, sondern auch für die bevorstehende Präsidentschaftswahl im Jahr 2027.
Bardellas Aufstieg und strategische Positionierung
Jordan Bardella, der 29-jährige Parteipräsident des RN, hat sich in den vergangenen Jahren als modernisierende Kraft profiliert. Er verkörpert ein jugendlicheres, professionelleres Image des Rechtspopulismus, das bei jüngeren und moderaten Wählerschichten Anklang findet. In aktuellen Meinungsumfragen liegt er gleichauf mit oder sogar leicht vor seiner Mentorin Le Pen. Insbesondere in Szenarien, in denen Le Pen nicht berücksichtigt wird, erzielt Bardella beachtliche Werte im ersten Wahlgang der Präsidentenwahl.
Diese Entwicklung deutet auf eine schleichende, aber konsequente Übergabe der politischen Führung im RN hin. Während Le Pen noch als Integrationsfigur der Partei fungiert, gewinnt Bardella zunehmend operative Autonomie. Seine Präsenz in Medien, sein Auftreten in europäischen Debatten und sein pragmatischer Umgang mit klassischen Streitthemen wie Migration oder Souveränität markieren einen bewussten Generationenwechsel.
Spannungen im Inneren der Partei
Doch der Machtwechsel vollzieht sich nicht konfliktfrei. Die Entscheidung eines führenden Meinungsforschungsinstituts, Le Pen in einer großangelegten Umfrage zunächst nicht zu berücksichtigen, löste Unmut im Umfeld der ehemaligen Präsidentschaftskandidatin aus. Erst nach direkter Intervention wurde sie in die Umfrage einbezogen. Dieser Vorfall verdeutlicht, wie fragil das interne Gleichgewicht der Partei derzeit ist. Der Einfluss Le Pens scheint vordergründig ungebrochen, doch ihre politische Zukunft hängt nun weniger von ihrer eigenen Strategie als vom juristischen Ausgang des laufenden Verfahrens ab.
Die Reaktion ihres Lagers zeigt aber, dass ein vollständiger Rückzug Le Pens keineswegs ausgemacht ist. Der Wunsch, in einem letzten Anlauf 2027 doch noch Präsidentin zu werden, bleibt offenbar lebendig. Die offenkundige Parteinahme zugunsten Bardellas könnte jedoch genau diesen Anspruch untergraben und neue Loyalitätskonflikte auslösen.
Ein wahrscheinlicher Gegner: Édouard Philippe
Auf der Gegenseite kristallisiert sich mit Édouard Philippe ein möglicher Gegner des RN im zweiten Wahlgang heraus. Der ehemalige Premierminister unter Emmanuel Macron wird von Teilen der politischen Mitte als glaubwürdiger und stabiler Präsidentschaftsanwärter angesehen. In simulierten Stichwahlen gegen Le Pen oder Bardella erreicht Philippe annähernd gleich hohe Zustimmungswerte.
Ein solches Szenario lässt vermuten, dass sich das französische politische Zentrum erneut formieren könnte, um einen rechtspopulistischen Wahlsieg zu verhindern. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob eine solche „Republikanische Front“, wie sie bereits 2002 oder 2017 mobilisiert wurde, auch 2027 noch dieselbe Wirkung entfalten kann. Die Fragmentierung des linken Lagers und die sinkende Bindungskraft traditioneller Parteien sprechen dagegen.
Ein Wandel mit ungewissem Ausgang
Das Rennen um die Kandidatur des Rassemblement National bleibt offen. Sollte Marine Le Pen juristisch rehabilitiert werden, könnte sie erneut antreten – möglicherweise jedoch geschwächt durch die parteiinterne Erosion ihrer Autorität. Sollte hingegen Jordan Bardella der offizielle Kandidat werden, hätte der RN zwar ein modernisiertes Gesicht, müsste aber auf das Charisma und die Kampferfahrung seiner langjährigen Führungsfigur verzichten.
Unabhängig vom konkreten Kandidaten steht jedoch fest: Der RN ist heute näher an der Macht als je zuvor. Mit stabiler Wählerschaft, wachsender Zustimmung bei jungen Erwachsenen und Rentnern sowie einem zunehmend strategischen Wahlkampfmanagement könnte die Partei bei der Wahl 2027 zur dominierenden Kraft in Frankreich avancieren. Entscheidend wird sein, ob sie es schafft, interne Machtkämpfe zu entschärfen und gleichzeitig neue Wählersegmente dauerhaft zu binden.
Von Andreas Brucker