Zum ersten Mal seit über einem Jahrzehnt empfängt Frankreichs Präsident wieder einen brasilianischen Amtskollegen zu einer offiziellen Staatsvisite. Der Besuch von Luiz Inácio Lula da Silva vom 5. bis 7. Juni in Paris geht über symbolische Geste hinaus: Er markiert eine geopolitisch wie wirtschaftlich aufgeladene Etappe in den Beziehungen zwischen Europa und Südamerika – und stellt Frankreichs Rolle als Brückenbauer auf die Probe.
Der brasilianische Präsident betritt die Pariser Bühne zu einem Zeitpunkt, an dem der Westen seine außenpolitischen Prioritäten neu ausrichtet. Vor diesem Hintergrund will Lula nicht nur alte Bande auffrischen, sondern das globale Machtgefüge aktiv mitgestalten. Es ist ein Besuch mit Signalwirkung – nach außen wie nach innen.
Ein Schulterschluss mit Spannungen
Macron und Lula pflegen eine demonstrative Nähe. Bereits im März 2024 trafen sie sich zu einem symbolträchtigen Besuch im Amazonasgebiet, wo sie sich gemeinsam für den Erhalt der Regenwälder stark machten. Die Atmosphäre ist kameradschaftlich, fast freundschaftlich. Doch unter der Oberfläche liegen nicht unerhebliche Differenzen. Während Macron Europa als geopolitische Ordnungsmacht mit grüner Handschrift positionieren möchte, sieht Lula Brasilien als Führungsmacht des „globalen Südens“, der sich von westlichen Dominanzen emanzipieren will.
Diese unterschiedlichen Ansätze offenbaren sich nicht nur im diplomatischen Stil, sondern auch in konkreten politischen Fragen – etwa beim Freihandelsabkommen zwischen der EU und dem südamerikanischen Mercosur.
Mercosur: Hoffnungsträger oder Hemmschuh?
Im Zentrum der Gespräche steht das seit Jahren umstrittene EU-Mercosur-Abkommen, das 2019 grundsätzlich vereinbart, aber bis heute nicht ratifiziert wurde. Lula möchte die Bedenken der europäischen Seite, insbesondere Frankreichs, ausräumen und das Abkommen über die Ziellinie bringen. Für Brasilien steht dabei weit mehr auf dem Spiel als nur Handelsvorteile: Es geht um internationale Anerkennung als verlässlicher Partner.
Macron wiederum steht unter dem Druck der französischen Agrarlobby. Der Widerstand gegen Mercosur ist massiv: Bauern befürchten eine Flut billiger Importe aus Südamerika, die ihre Marktstellung untergräbt. Hinzu kommen ökologische Bedenken. Macron hat mehrfach betont, dass er kein Abkommen akzeptieren werde, das den europäischen Umwelt- und Sozialstandards nicht genügt.
Ob Lula mit einem „grüneren“ Mercosur-Paket durchdringen kann, ist ungewiss. Doch allein die Wiederaufnahme des Dialogs deutet auf eine neue Dynamik hin, bei der politische Beweglichkeit und diplomatisches Geschick gefragt sind.
Gemeinsame Antworten auf die Klimakrise
Abseits des Freihandels liegt ein zweites zentrales Thema auf dem Tisch: die Klima- und Umweltpolitik. Lula und Macron wollen eine gemeinsame Erklärung zur verstärkten Zusammenarbeit im Kampf gegen den Klimawandel unterzeichnen. Geplant sind Initiativen für einen dekarbonisierten Schiffsverkehr, Kooperationen im Bereich grüner Technologien und eine engere Verzahnung der Forschungslandschaften beider Länder.
Besondere Bedeutung kommt dabei der anstehenden Weltklimakonferenz COP30 im brasilianischen Belém zu, die im November 2025 stattfinden wird. Frankreich hat seine Unterstützung bereits zugesichert – auch in der Hoffnung, die Agenda maßgeblich mitprägen zu können. Für Lula ist dies ein willkommenes Forum, um Brasilien als ökologisch verantwortungsbewusste Macht zu präsentieren.
Eine multipolare Außenpolitik mit Risiken
Lulas außenpolitischer Kurs steht im Zeichen des Ausgleichs. Der Präsident versucht, Brasilien als unabhängigen Akteur in einer multipolaren Welt zu positionieren – zwischen den USA, China, Russland und Europa. Seine Teilnahme an der Gedenkfeier zum Kriegsende in Moskau im Mai, bei der er gemeinsam mit Wladimir Putin auftrat, sorgte in westlichen Hauptstädten für Irritationen.
Lula betont stets, dass er für Frieden und Völkerrecht eintrete. Dennoch wirkt sein diplomatischer Balanceakt in Zeiten des Krieges in der Ukraine wie ein Drahtseilakt – der nicht nur moralisch, sondern auch strategisch Fragen aufwirft. Macron hat sich bislang mit Kritik zurückgehalten, wohl wissend, dass Lula eine wichtige Figur für Dialogprozesse mit dem globalen Süden ist.
Diese Gratwanderung offenbart eine neue Realität in den internationalen Beziehungen: Der Westen verliert seine normative Deutungshoheit, während aufstrebende Staaten wie Brasilien selbstbewusster auftreten und eigene Prioritäten setzen.
Bilaterale Impulse in schwierigen Zeiten
Neben den großen Linien der Weltpolitik geht es in Paris auch um handfeste Kooperation. Etwa 20 bilaterale Abkommen sollen unterzeichnet werden – von der wissenschaftlich-technologischen Zusammenarbeit über Bildung und Gesundheitswesen bis hin zu Sicherheitsfragen. Damit setzen Lula und Macron auch innenpolitisch ein Zeichen der Handlungsfähigkeit.
Wie nachhaltig diese Impulse sein werden, hängt von der politischen Großwetterlage ab. Europa steht vor einer schwierigen Phase – mit steigenden populistischen Tendenzen, wirtschaftlichen Unsicherheiten und einem Krieg vor der Haustür. Auch in Brasilien ist das innenpolitische Klima angespannt, nicht zuletzt wegen der anhaltenden Polarisierung nach den Wahlen 2022.
In diesem Kontext wirkt die Begegnung Lula-Macron wie der Versuch, geopolitische Gestaltungsmacht zurückzugewinnen – mit Pragmatismus, aber auch mit Prinzipien.
Von Andreas Brucker