Emmanuel Macron reist von Dienstag bis Donnerstag zu einem Staatsbesuch nach Grossbritannien – der ersten Visite eines EU-Staatsoberhaupts in London seit dem Brexit. Der französische Präsident wird nicht nur im Parlament sprechen, sondern auch Verteidigungs- und Migrationsabkommen vorantreiben. Die Reise ist damit weit mehr als royale Symbolik.
Als Emmanuel Macron am Dienstag London betritt, tut er dies nicht nur im Protokoll der Diplomatie, sondern mit klar definierten politischen Zielen. Der letzte Staatsbesuch eines französischen Präsidenten liegt siebzehn Jahre zurück: 2008 hatte Nicolas Sarkozy Königin Elizabeth II. besucht. Nun empfängt König Charles III. seinen Amtsnachfolger – und im Windschatten des höfischen Glanzes sollen auch handfeste europapolitische und sicherheitspolitische Fragen vorangebracht werden.
Europas erste Staatsvisite seit dem Brexit
«Es handelt sich um die erste Staatsvisite eines EU-Staatschefs im Vereinigten Königreich seit dem Brexit», hebt der Élysée-Palast hervor. Zwar hatten sich die Beziehungen zwischen Paris und London in den Jahren nach dem Austritt der Briten aus der EU abgekühlt. Doch spätestens seit dem Amtsantritt des Labour-Premiers Keir Starmer im Juli 2024 ist eine merkliche Entspannung eingetreten. Starmer hatte bereits zu Beginn seiner Amtszeit betont, er strebe einen «Reset» der Beziehungen mit Europa an – ein Bekenntnis zu stärkerer Kooperation, ohne den Brexit grundsätzlich infrage zu stellen.
Die Reise Macrons fügt sich in dieses Muster ein: Ziel ist es, die politischen und wirtschaftlichen Bande neu zu knüpfen, ohne die Souveränität Grossbritanniens zu tangieren. Erst im Mai hatten die EU und London ein umfassendes Partnerschaftsabkommen zu Verteidigung und Sicherheit unterzeichnet. Die nun anstehende bilaterale Visite wird diese Linie fortführen. Ein «grosser bilateraler Gipfel» mit einer Vielzahl an Ministern aus beiden Ländern – von Aussenpolitik und Verteidigung über Inneres bis Energie und Handel – soll den kooperativen Neustart institutionell absichern.
Verteidigung: Anpassung alter Abkommen an neue Bedrohungen
Besondere Aufmerksamkeit liegt auf der sicherheitspolitischen Zusammenarbeit. Die bereits 2010 abgeschlossenen Lancaster-House-Abkommen zwischen Frankreich und Grossbritannien bilden die Grundlage einer engen Verteidigungskooperation – insbesondere angesichts der Tatsache, dass beide Staaten über Nuklearwaffen verfügen. Doch mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine hat sich das sicherheitspolitische Umfeld Europas fundamental verändert. Die bestehenden Vereinbarungen sollen daher «an die neue strategische Realität angepasst werden», so der Élysée.
Frankreich und Grossbritannien arbeiten bereits gemeinsam an Rüstungsprojekten, insbesondere im Bereich der Lenkwaffenentwicklung. Die jüngsten Verhandlungen betrafen laut Präsidialamt sowohl nukleare Fragen als auch operative und technologische Aspekte. Macron hatte sich zudem offen gezeigt, mit europäischen Partnern über den Einsatz französischer Atomwaffen an Bord von Kampfflugzeugen zu diskutieren – ein Signal, das vor dem Hintergrund nuklearer Abschreckungsstrategien in Europa hohe Relevanz besitzt.
Grossbritannien wiederum hat Ende Juni angekündigt, seine nukleare Teilhabe im Rahmen der Nato auszuweiten. Neben dem bestehenden Abschreckungspotential durch U-Boot-gestützte Systeme soll künftig auch eine luftgestützte Komponente mit F-35A-Kampfjets hinzukommen. Damit gleichen sich die Verteidigungsprofile beider Staaten weiter an.
Am Donnerstag werden Macron und Starmer zudem eine gemeinsame Videokonferenz aus der britischen Marinebasis Northwood leiten, bei der es um die Stärkung der Verteidigungskapazitäten der Ukraine geht. Neben dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj werden auch Bundeskanzler Friedrich Merz sowie Italiens Premierministerin Giorgia Meloni teilnehmen, die parallel in Rom eine Konferenz zur Ukraine-Rekonstruktion besuchen. Die Frage, wie sich die Kampffähigkeit der Ukraine langfristig sichern und wie eine mögliche Friedensmission in einem Waffenstillstandsszenario gestalten lässt, steht dabei im Vordergrund.
Migration: Ein ungelöstes Dauerthema
Doch die sicherheitspolitische Allianz hat auch eine innenpolitisch heikle Dimension: die Migrationsfrage am Ärmelkanal. Seit Jahren versucht London, den stetigen Strom irregulärer Migranten, die von Frankreich aus übersetzen, einzudämmen. 2024 erreichten rund 36.800 Menschen illegal britische Küsten – ein Anstieg um 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr. 78 Menschen kamen bei der Überfahrt ums Leben, ein trauriger Rekordwert.
Grossbritannien finanziert bereits einen Teil der französischen Überwachungskapazitäten entlang der Kanalküste. Paris wiederum drängt darauf, seine Einsatzmöglichkeiten auf See auszuweiten, um sogenannte «Taxi-Boote» von Schleusern bis zu 300 Meter vor der eigenen Küste stoppen zu können. Derzeit darf Frankreich Schiffe auf See ausschliesslich retten, nicht aber präventiv aufhalten – eine Einschränkung, die sich aus dem internationalen Seerecht ergibt.
In der Praxis wird Frankreich jedoch zunehmend offensiver. Britische Behörden lobten zuletzt «neue Taktiken», mit denen französische Polizisten Boote bereits vor Abfahrt sabotierten. Der Vorfall, bei dem nahe Saint-Etienne-au-Mont ein Boot zerschnitten wurde, markiert eine neue Eskalationsstufe. Menschenrechtsorganisationen wie Utopia56 warnen vor einem «Teufelskreis der Gewalt», da sich Migranten von stärkeren Abschreckungsmassnahmen nicht abhalten liessen, sondern nur riskantere Routen wählten.
Am Donnerstag will Macron hierzu konkrete Massnahmen vorstellen. Die französische Präsidentschaft spricht von einer «doppelten Strategie»: einerseits dem entschlossenen Vorgehen gegen Schleusernetzwerke, andererseits einer Analyse der strukturellen Attraktivität Grossbritanniens für Migranten. Die Frage nach schnelleren Asylverfahren, Arbeitsmarktzugang und Abschieberegelungen dürfte daher ebenfalls auf der Agenda stehen.
Zwischen Symbolpolitik und Realpolitik
Der Zeitpunkt des Besuchs ist diplomatisch kalkuliert. Macron reist vor US-Präsident Donald Trump, der im September erwartet wird, und setzt damit ein Zeichen europäischer Präsenz in London. Für Premier Keir Starmer ist der französische Gast ein willkommener Partner, um seine europafreundliche, aber nicht EU-rückorientierte Aussenpolitik zu untermauern.
Macron wiederum demonstriert Führungsstärke in einer Phase, in der Frankreich aufgrund der instabilen innenpolitischen Lage nach der Parlamentswahl 2024 und dem Erstarken der Rassemblement National besonders auf internationale Handlungsfähigkeit bedacht ist. Während der Staatsbesuch durch royale Protokolle geprägt sein wird, bleibt sein Kern hochpolitisch: Verteidigung, Nuklearstrategie und Migrationsmanagement sind Themen, die Europa und Grossbritannien in Zeiten globaler Unsicherheit enger zusammenführen – wenn auch nicht ohne Reibung.
Autor: Andreas M. Brucker