Tag & Nacht

Eine Unerwartete Erklärung

Am Sonntag, dem 9. Juni, wurde ganz Frankreich von einer unerwarteten Ankündigung erschüttert. Um 21:01 Uhr verkündete Emmanuel Macron in ernstem Ton die Auflösung der Nationalversammlung. „Ich habe beschlossen, Ihnen die Wahl über unsere parlamentarische Zukunft durch Abstimmung zurückzugeben“, erklärte er und kündigte vorgezogene Parlamentswahlen für den 30. Juni und 7. Juli an. Diese Entscheidung folgte auf das beeindruckende Ergebnis des Rassemblement National (RN) bei den Europawahlen, bei denen diese rechtsextreme Liste unter der Führung von Jordan Bardella 31,36 % der Stimmen erhielt.

Der Sender TF1 musste seine Wahlberichterstattung verlängern und das Spiel Frankreich-Kanada verschieben. Macrons Ankündigung überschattete die anderen politischen Lehren des Abends – von der herben Niederlage des Präsidentenlagers und Valérie Hayer bis hin zu den soliden Ergebnissen der PS-Place publique Liste unter der Führung von Raphaël Glucksmann und den erheblichen Verlusten der Grünen.



Reaktionen auf die Schockentscheidung

Auf dem Sender France 2 reagierte François Bayrou, Vorsitzender der Partei „Demokratische Bewegung“ (Modem) als Erster und bezeichnete die Entscheidung als „historisch“. Neben ihm saßen ernste Gesichter und ein Lächeln: Laurent Jacobelli, RN-Abgeordneter aus Moselle, zeigte sich erfreut, denn „diese Antwort war die, die wir erwartet hatten“. RN-Spitzenkandidat Jordan Bardella hatte während des Wahlkampfs und nach Bekanntgabe der Ergebnisse immer wieder Neuwahlen gefordert, und zwischen 20 und 21 Uhr wurde aus den Forderungen plötzlich Wirklichkeit.

Die Folgen der Auflösung des Parlaments

Der politische Schock kam um 21 Uhr. Fünfzehn Minuten später reagierte Raphaël Glucksmann als einer der ersten Kandidaten. Eine Stunde nach seinem triumphalen Auftritt im Wahlkampfzentrum zeigte er sich wütend. „Emmanuel Macron hat Bardellas Forderungen nachgegeben, was völlig unnötig war. (…) Das ist ein äußerst gefährliches Spiel für die Demokratie und die Institutionen“, schimpfte der Euroabgeordnete.

Geteilte Reaktionen

Marine Le Pen sprach kurz darauf im RN-Wahlkampfzentrum: „Wir sind bereit, die Macht zu übernehmen, wenn die Franzosen uns vertrauen.“ Sarah Knafo, Europaabgeordnete von Reconquête und Lebensgefährtin von Éric Zemmour, schlug bereits gemeinsame Kandidaturen mit dem RN vor. Jean-Luc Mélenchon lobte Macron für die Auflösung, da er „keine Legitimität mehr hat, seine Politik fortzusetzen“. Manon Aubry, Spitzenkandidatin von La France insoumise, sprach von einer „schallenden Niederlage“ der Regierung.

Krisenstimmung und Hoffnung

In den verschiedenen Wahlkampfzentren folgten weitere Reaktionen. Im PS-Wahlkampfzentrum von Raphaël Glucksmann herrschte Fassungslosigkeit, während im RN-Lager gefeiert wurde. Die Parteiführung des RN traf sich zu einer außerordentlichen Sitzung, während gleichzeitig auch die Regierung um Macron herum zusammenkam. Premierminister Gabriel Attal äußerte sich nicht, war aber anwesend.

Appelle zur Einheit

Während die Regierungsmehrheit niedergeschlagen wirkte – die ehemalige Abgeordnete Valérie Thomas sprach auf France 2 von „Schrecken und Angst“ – wurden Rufe nach einer linken Einheitsfront laut. François Ruffin, Abgeordneter von La France insoumise, plädierte für eine Wiederbelebung der Nupes (Nouvelle Union Populaire Écologique et Sociale). „Wir haben einen Verrückten an der Spitze des Staates, [Emmanuel Macron] ist ein Brandstifter“, schimpfte Ruffin.

Linke Mobilisierung

In der Nacht fanden mehrere Versammlungen linker Parteien in Paris statt. Marie Toussaint, Spitzenkandidatin von Les Ecologistes-EELV, erklärte: „Wir müssen jetzt die Schlacht der Parlamentswahlen führen und die Linken und Ökologen zusammenbringen.“ Unterstützt von zahlreichen Demonstranten auf dem Place de la République rief sie: „Die Jugend stellt sich gegen das Rassemblement National“ und „Wir sind alle Antifaschisten“.

Mimosa, eine Französischlehrerin aus Seine-Saint-Denis, betonte: „Die soziale Linke muss wieder an die Spitze kommen und dem Faschismus, der vor unserer Tür steht, ein Ende setzen.“ In einem anderen Teil der Hauptstadt sammelten sich Anhänger von La France insoumise und schlossen sich der Menge an. Ihr Slogan: „Union populaire.“

Dieser Abend, der mit einem Paukenschlag begann, hat die politische Landschaft Frankreichs plötzlich neu geordnet und die Weichen für spannende Wochen im Vorfeld der bevorstehenden Parlamentswahlen gestellt. Wie wird das französische Volk antworten?


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