Am Samstag, dem 5. Juli 2025, trat Emmanuel Macron vor die Mitglieder der «Jeunes en Marche» im Pariser Cirque d’Hiver und rief seine Partei-Jugend zu Einigkeit und Verantwortungsbewusstsein auf. Inmitten wachsender innerparteilicher Rivalitäten und ambivalenter Loyalitäten unter potenziellen Präsidentschaftsanwärtern warnte der französische Präsident vor einer zu frühen Fokussierung auf persönliche Karrieren. Stattdessen betonte er die Pflicht zu gemeinsamer politischer Arbeit bis zum Ende seines Mandats.
Der Auftritt fand anlässlich des zehnten Geburtstags der «Jeunes en Marche» statt, der Nachwuchsorganisation seiner Partei "Renaissance", und wurde von Beobachtern als strategisches Signal an seinen ehemaligen Premierminister und heutigen Parteichef Gabriel Attal verstanden.
Strategische Zurückhaltung statt vorzeitiger Ambition
Macron, der verfassungsgemäß nicht für eine dritte Amtszeit kandidieren darf, appellierte an die Verantwortung seiner Partei: «Agissons, restons unis, soyez responsables et œuvrons pour le pays» – «Lasst uns handeln, bleibt vereint, seid verantwortungsvoll und arbeitet für das Land». Diese Mahnung richtete sich insbesondere an Attal, der öffentlich sein Ziel bekundet hatte, 2027 als Spitzenkandidat anzutreten.
Attal, 36 Jahre alt, gilt als einer der prominentesten Politiker der jüngeren Generation Frankreichs. Als ehemaliger Bildungsminister und Premierminister hat er sich das Image eines pragmatischen Modernisierers aufgebaut. In seiner jüngsten Ansprache sprach er von einem «neuen Weg» für Frankreich und erklärte: «Ich möchte den Franzosen ein Projekt für 2027 anbieten.» Macrons Reaktion verdeutlichte, dass er Attals Ambitionen zwar zur Kenntnis nimmt, aber eine vorzeitige Konzentration auf Personalfragen ablehnt.
Zunehmende Zersplitterung des Regierungslagers
Die Nachfolgefrage stellt sich für Macron unter besonders schwierigen Voraussetzungen. Die von ihm im Juni 2024 ohne Rücksprache mit Attal durchgesetzte Auflösung der Nationalversammlung hatte nicht nur zu einer schweren Wahlniederlage für seine Partei Renaissance geführt, sondern auch bestehende Loyalitätskonflikte verschärft. Laut L’Express galt die einseitige Entscheidung als Ausdruck eines zunehmenden Machtvakuums im Élysée und führte zu Frustrationen unter Abgeordneten und Ministern, die sich von der Koordination mit dem Präsidenten ausgeschlossen fühlten.
Parallel dazu treten profilierte Politiker wie Édouard Philippe, ehemaliger Premierminister und Bürgermeister von Le Havre, sowie Bruno Retailleau, Innenminister und Vorsitzender von Les Républicains, zunehmend als mögliche Präsidentschaftskandidaten auf. Während Philippe in Umfragen stabile Zustimmungswerte verzeichnet und als liberal-konservativer Konsenskandidat gilt, positioniert sich Retailleau als Vertreter einer wertekonservativen Linie innerhalb der republikanischen Rechten.
Macrons langfristige politische Agenda
Die Rede vor den «Jeunes en Marche» offenbarte jedoch mehr als einen simplen Appell zur Einheit. Macron stellte klar, dass er sein politisches Projekt langfristig angelegt sieht. Wörtlich sagte er: «Ich brauche euch für in zwei Jahren, in fünf Jahren, in zehn Jahren.» Dieser Satz wurde von französischen Medien als Hinweis interpretiert, dass Macron – ähnlich wie andere ehemalige Präsidenten – auch nach seinem Ausscheiden aus dem Amt eine prägende Rolle im Partei- und Politikbetrieb Frankreichs spielen möchte.
The Economist hatte bereits 2023 analysiert, dass Macron trotz seiner Reformprojekte – darunter die umstrittene Rentenreform, die Verschärfung der Einwanderungsgesetze und die europapolitische Stärkung Frankreichs – nicht gelungen sei, eine klare Nachfolgeregelung innerhalb seiner Bewegung aufzubauen. Dies könnte Renaissance langfristig destabilisieren, insbesondere in einem zunehmend polarisierten politischen Umfeld.
Die offene Frage der Nachfolge
In Frankreich ist es selten, dass ein Präsident seine Nachfolge reibungslos organisieren kann. Nicolas Sarkozy scheiterte 2012 in seinem Versuch der Wiederwahl; François Hollande verzichtete 2017 auf eine Kandidatur, da seine Zustimmungswerte historisch niedrig waren. Macron hingegen ist weiterhin einer der dominanten Akteure im französischen Politikbetrieb. Doch die fehlende institutionelle Struktur seiner Bewegung – Renaissance war stets primär eine Wahlplattform um seine Person – erschwert einen geregelten Übergang.
Der Politikwissenschaftler Bruno Cautrès vom Sciences Po Institut d’études politiques weist darauf hin, dass die kommenden zwei Jahre entscheidend sein werden, um zu klären, ob Renaissance zu einer echten Partei mit kollektiver Führung heranreifen kann. «Ohne strukturierte Machtzentren wird es für Macrons Lager schwer, die Zersplitterung zu überwinden», sagte er kürzlich gegenüber Le Monde.
Macrons Mahnung vom Wochenende markiert somit weniger eine Einschränkung der Ambitionen seiner potenziellen Nachfolger, als vielmehr eine Erinnerung daran, dass die Regierungsfähigkeit Frankreichs – und der Fortbestand seines politischen Projekts – bis 2027 nicht durch parteiinterne Machtspiele gefährdet werden dürfen.
Autor: Andreas M. Brucker