Frankreich zeigt sich weltoffen, visionär – und ein kleines bisschen widersprüchlich. Emmanuel Macron lädt die klügsten Köpfe aus Übersee ein, sich in Frankreich niederzulassen, um hier Forschung zu betreiben, die anderswo vielleicht zensiert, gekürzt oder marginalisiert würde. Klingt stark – ist es aber wirklich so einfach?
Der 18. April 2025 markierte den Beginn einer PR-Offensive der besonderen Art: Frankreich will sich als wissenschaftlicher Hafen in stürmischen Zeiten positionieren. Mit dem Programm „Choose France for Science“ schickt sich die Grande Nation an, dem amerikanischen Brain Drain ein freundliches Zuhause zu bieten. Der Grund: In den USA sorgt die Politik unter Präsident Trump zunehmend für Unruhe in der Wissenschaftsgemeinde – die Kürzungen von Forschungsetats und der politische Druck auf Universitäten veranlassen viele Forscher zur Flucht.
Ein gefundenes Fressen für Macron, der sich gerne als Garant liberaler Werte präsentiert.
Große Träume auf dünnem Budget
Die französische Regierung verspricht in diesem Zusammenhang einiges: zusätzliche Fördermittel über das Zukunftsprogramm „France 2030“, Plattformen zur Integration ausländischer Forscher, maßgeschneiderte Aufnahmeprogramme wie das von der Universität Aix-Marseille initiierte „Safe Place for Science“. Erste amerikanische Wissenschaftler sollen schon im Juni eintreffen – mit bis zu 800.000 Euro Unterstützung pro Kopf.
Und doch: Hinter der glänzenden Fassade lauert ein altbekanntes Problem – das liebe Geld. Denn obwohl Bildungsminister Philippe Baptiste von etwa einer Million Euro pro Forscher mitsamt Team spricht, bleibt der Gesamtetat vage. Wie viele werden wirklich finanziert? Wie dauerhaft ist dieses Engagement?
Das lässt viele in Frankreich aufhorchen – vor allem jene, die schon lange mit chronischer Unterfinanzierung zu kämpfen haben. Seit Jahren stagniert das Forschungsbudget, liegt deutlich unter dem US-amerikanischen Niveau und fällt auch im europäischen Vergleich eher mager aus. Laut OECD-Daten investierte Frankreich zuletzt 2,22 % des BIP in Forschung, während die USA satte 3,46 % aufwenden.
Wird hier also nur mit fremden Federn geprahlt?
Zwischen Idealismus und Realität
Frankreich besitzt zweifellos Vorzüge: stabile Wissenschaftsinstitutionen, akademische Freiheiten, ein kulturell offenes Umfeld. Wer sich mit dem französischen Hochschulsystem auskennt, weiß aber auch: Bürokratie kann zermürben. Die Bezahlung ist oft nicht konkurrenzfähig. Und das politische Klima – sagen wir mal – schwankt.
Ein bisschen erinnert Macrons Initiative an einen Gastgeber, der eine schillernde Einladung zu einem Fünf-Gänge-Menü verschickt, aber erst am Abend selbst überlegt, was im Kühlschrank ist. Ambitioniert? Ja. Aber auch riskant. Denn wer die Besten der Besten anziehen will, muss liefern können – nicht nur mit Worten, sondern mit belastbaren Strukturen.
Kritik aus den eigenen Reihen
Besonders pikant ist, dass der groß inszenierte Aufruf an internationale Forscher mit drastischen Einsparungen im nationalen Hochschulbereich einhergeht. Anfang des Jahres wurden allein im Bereich Bildung und Forschung 630 Millionen Euro gestrichen. Wie passt das zusammen?
Manche Professoren und Wissenschaftler sprechen inzwischen von Symbolpolitik, von schöner Rhetorik, die über die strukturellen Defizite hinwegtäuschen soll. Die Vision von der „Silicon Valley an der Seine“, wie sie in einem Kommentar des Ökonomen François Lenglet zitiert wird, klingt attraktiv – aber ist momentan eher ein Märchen aus dem Elfenbeinturm.
Europa als Hoffnungsträger?
Macron denkt europäisch – das muss man ihm lassen. Anfang Mai soll in Paris ein Treffen mit Forschern aus der gesamten EU stattfinden. Ziel: gemeinsame Strategien zur Stärkung der europäischen Forschung. Das klingt vernünftig, denn viele Herausforderungen lassen sich nur grenzüberschreitend lösen. Ob daraus aber mehr entsteht als eine weitere Absichtserklärung, bleibt offen.
Und jetzt?
Macrons Appell ist ein Signal. Ein Versuch, in einer globalen Zeitenwende eine Führungsrolle zu übernehmen – zumindest im Bereich der Wissenschaft. Die Idee, Frankreich zu einem Zufluchtsort für Wissenschaftler zu machen, hat Charme und Relevanz. Doch ohne solide Finanzierung und eine ehrliche Auseinandersetzung mit den Schwächen des eigenen Systems bleibt es ein schöner Traum – mit zu dünner Matratze.
Wäre es nicht besser, erst die eigenen Baustellen zu sanieren, bevor man großspurig neue Gäste einlädt?
Von Andreas M. Brucker