Seit Anfang Januar 2026 kursiert in den sozialen Netzwerken ein Video, das Emmanuel Macron vorwirft, „in Panik“ seine Sicherheitskräfte verdreifacht zu haben – von angeblich 60 auf 180 Leibwächter. Die Botschaft: Ein Präsident, der sich hinter kugelsicherem Glas und schwer bewaffneten Personenschützern vor dem Volkszorn verkriecht. Die Realität sieht jedoch anders aus: Die Zahlen sind schlichtweg falsch – und die Behauptung entbehrt jeder Grundlage.
Die Sicherheitsdienste des Präsidenten
Für den Schutz des französischen Präsidenten ist die Groupe de sécurité de la présidence de la République (GSPR) zuständig – eine Spezialeinheit, die 1983 nach dem Vorbild ausländischer „Secret Services“ geschaffen wurde. Der GSPR setzt sich paritätisch aus Polizisten und Gendarmen zusammen und schützt den Staatschef sowohl im Alltag als auch bei offiziellen Terminen, inklusive seiner Familie und gegebenenfalls weiterer exponierter Persönlichkeiten.
Die Größe dieser Einheit ist kein Staatsgeheimnis, sondern Gegenstand der jährlichen Berichte der französischen Cour des comptes – des Rechnungshofs, der die Haushaltsführung des Élysée-Palasts kontrolliert. Laut diesen offiziellen Zahlen belief sich der Personalstand des GSPR zuletzt auf:
- 76 Personen im Jahr 2019
- 78 im Jahr 2021
- 82 in den Jahren 2022 und 2023
- 81 im Jahr 2024
Das bedeutet: Der Umfang der Präsidentenschutz-Einheit hat sich seit Jahren auf einem konstanten Niveau von rund 80 Personen bewegt – mit geringfügigen Schwankungen, aber weit entfernt von einer drastischen Aufstockung auf 180 Personen. Für das Jahr 2025 liegen noch keine öffentlich zugänglichen Zahlen vor, diese werden wie üblich im Laufe des Jahres 2026 veröffentlicht. Doch gegenüber Radio France bestätigte der Élysée bereits, dass es 2025 keine Erhöhung der Sicherheitskräfte gegeben habe – erst recht keine auf mehr als das Doppelte.
Ein Klassiker der Desinformation
Das virale Video, das die Behauptung streut, wirkt professionell gemacht, nutzt allerdings suggestive Sprache und Dramatisierung. Es spricht von einem Präsidenten, der „sich fürchtet“ und angeblich hinter einem Sicherheitswall verschanzt. Solche Narrative sind typisch für digital verbreitete Desinformationskampagnen, die auf Emotionalisierung und Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen setzen.
Hinzu kommt: Die Stimmen in derartigen Videos sind oft computergeneriert – auch im vorliegenden Fall dürfte es sich laut Analyse von Radio France um eine durch KI erzeugte Produktion handeln. Hinweise auf den Ursprung oder verlässliche Quellen fehlen ebenso wie nachvollziehbare Daten. Die Aussagen wirken daher umso gezielter konzipiert, um Empörung und Ablehnung zu erzeugen – besonders in politisch angespannten Zeiten.
Ein weiterer, ebenso irreführender Clip des gleichen Accounts behauptet, der Präsident sei von „737 Sicherheitsleuten“ umgeben. Auch hier wird verzerrt: Die Zahl stammt aus einem Jahre alten Presseartikel und bezieht sich nicht auf Leibwächter, sondern auf die Gesamtzahl aller Beschäftigten des Élysée-Palasts – von Protokoll über Kommunikation bis zur Hausverwaltung und Putzdiensten. Die aktuellsten verfügbaren Zahlen sprechen von 822 Mitarbeitern im Jahr 2024, also in der üblichen Größenordnung einer Präsidialverwaltung.
Wozu dient diese Behauptung?
Politisch lässt sich die Strategie leicht einordnen: In einem Klima wachsender Unzufriedenheit mit der Regierung – sei es über Sozialpolitik, Energiepreise oder Institutionenvertrauen – bietet das Bild eines „abgeschotteten“ Präsidenten einen idealen Angriffspunkt. Es suggeriert Entfremdung, Angst vor dem Volk und den Verlust politischer Kontrolle. Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Macron mag derzeit mit Kritik konfrontiert sein – etwa in Fragen der Agrarpolitik oder im Kontext internationaler Spannungen –, doch eine personelle Aufrüstung seiner Sicherheitsdienste ist schlichtweg nicht belegt.
In Zeiten von künstlicher Intelligenz, Deepfakes und gezielter Desinformation wird die Überprüfung solcher Behauptungen immer wichtiger. Dass Videos millionenfach geteilt werden, sagt wenig über ihre Wahrheit, aber viel über die politische Stimmungslage und die Empfänglichkeit für symbolische Erzählungen. Eine aufgeklärte Öffentlichkeit braucht mehr denn je belastbare Quellen und journalistische Sorgfalt – nicht affektgeladene Behauptungen ohne Fundament.
Autor: P. Tiko