Marine Le Pen, Vorsitzende des Rassemblement National (RN), hat nach den jüngsten Entwicklungen im Prozess um die angeblich fiktiven parlamentarischen Assistenten ihres Partei-Apparats eine radikale Kehrtwende hingelegt. Anstatt weiter an ihrer Strategie der „Dédiabolisation“ – der Entdämonisierung des RN – festzuhalten, kopiert sie nun unverhohlen die Taktiken des ehemaligen und wiedergewählten US-Präsidenten Donald Trump. Mit lautstarker Kritik an der Justiz und dem Versuch, die öffentliche Meinung gegen ein vermeintliches „Regime der Richter“ zu mobilisieren, setzt jetzt auch Marine Le Pen auf populistische Radikalisierung.
Die Vorwürfe gegen Le Pen und andere RN-Funktionäre wiegen schwer: Es geht um die mutmaßliche Veruntreuung von EU-Geldern durch fiktive Arbeitsverträge. Die Staatsanwaltschaft fordert empfindliche Strafen, darunter auch eine potenzielle Aberkennung der Wählbarkeit Le Pens – ein Szenario, das ihre politische Zukunft massiv bedrohen könnte. Ihre Reaktion darauf? Ein Frontalangriff.
Mit einer Online-Petition, dem Hashtag „#JeSoutiensMarineLePen“ auf sozialen Medien und scharfen Worten ihrer Parteikollegen inszeniert sich Le Pen als Opfer eines „politischen Prozesses“. Ihr Ziel ist klar: Die Richter und Institutionen, die den Prozess führen, sollen als Gegenspieler des „wahren Volkswillens“ dargestellt werden. Diese Strategie mag kurzfristig die Reihen ihrer Anhänger schließen, birgt aber erhebliche Risiken.
Marine Le Pen ist nicht die Erste, die versucht, politisches Kapital aus einer Konfrontation mit der Justiz zu schlagen. Donald Trump hat es vorgemacht. Seine wiederholten Attacken auf Richter und Journalisten wurden Teil seiner Markenstrategie. Er präsentierte sich als Kämpfer gegen ein „korruptes System“, was seine Basis stärkte und ihm jetzt sogar den Wahlsieg bescherte.
Doch Le Pens Annäherung an Trumps Methoden ist ein bemerkenswerter Kurswechsel. Während des US-Wahlkampfs 2020 hatte sie sich von Trump distanziert, ihn als zu kontrovers und spaltend dargestellt. Nun scheint sie seine Erfolgsformel dennoch zu adaptieren – wohl wissend, dass die Polarisierung, die Trump in den USA zu seinem Vorteil nutzte, auch in Frankreich auf fruchtbaren Boden fallen könnte. Aber: Kann diese Taktik in Frankreich funktionieren? Die französische Gesellschaft ist in vielerlei Hinsicht anders gestrickt, und das Risiko, ihre moderate Wählerschaft zu verschrecken, ist erheblich.
Le Pens neue Ausrichtung steht im Widerspruch zu ihrer bisherigen Strategie, das Rassemblement National als respektable politische Kraft zu etablieren. Jahrzehntelang bemühte sie sich, den Schatten ihres Vaters, Jean-Marie Le Pen, und dessen rechtsextreme Rhetorik abzulegen. Nun setzt sie erneut auf Konfrontation und populistische Zuspitzung.
Besonders heikel: Ihre Angriffe auf die Justiz widersprechen ihren bisherigen Positionen. Der RN hatte stets den vermeintlichen „Laxismus der Justiz“ angeprangert und härtere Strafen gefordert. Doch wenn es um den eigenen Prozess geht, ändert sich der Ton – eine Doppelmoral, die auch innerhalb ihrer Anhängerschaft Fragen aufwerfen könnte.
Es bleibt abzuwarten, ob Le Pen mit diesem Manöver die erhoffte Unterstützung mobilisieren kann. Der Vergleich zu Donald Trump mag naheliegen, doch der französische politische Kontext unterscheidet sich stark vom amerikanischen. Was in den USA funktioniert, könnte in Frankreich auf Ablehnung stoßen – oder Le Pens langfristige Bemühungen, als präsidiale Kandidatin wahrgenommen zu werden, zunichtemachen.