Wer an Marseille denkt, hat sicherlich das blaue Meer, Bouillabaisse oder Sonnenuntergänge am Vieux-Port im Kopf. Doch inzwischen steckt in der Mittelmeer-Stadt auch jede Menge Energie – buchstäblich. Denn die Hafenmetropole verwandelt ihr Meerwasser in eine nachhaltige Wärme- und Kältequelle für ihre Stadtviertel. Willkommen in der Zukunft mit dem Namen: Thalassothermie.
Wenn das Meer zum Heizkraftwerk wird
Was sich fast wie Science-Fiction anhört, ist längst Realität: Die sogenannte Thalassothermie macht sich die gleichmäßige Temperatur des Meerwassers zunutze – zwischen 12 und 24 Grad Celsius, je nach Jahreszeit. Dieses Wasser wird in mehreren Metern Tiefe angesaugt, durchläuft Wärmetauscher, die entweder Energie entziehen oder abgeben, und gibt diese Wärme oder Kälte dann an eine temperierte Süßwasserleitung weiter. Das Süßwasser speist anschließend Wärmepumpen in den angeschlossenen Gebäuden.
Das Ergebnis: Im Winter wohlige Wärme, im Sommer angenehme Kühle und ganzjährig warmes Wasser zum Duschen. Und das alles mit einem bemerkenswert niedrigen Stromverbrauch – für 1 kWh eingesetzter Strom liefert die Anlage bis zu 4 kWh nutzbare Energie. Ein echter Effizienz-Künstler!
Zwei Netzwerke – eine Vision
In Marseille sind mittlerweile zwei große Netze in Betrieb: Thassalia und Massileo. Und beide setzen Maßstäbe in Sachen nachhaltiger Stadtentwicklung.
Thassalia, betrieben von Engie, ging 2016 als erste marine Geothermie-Anlage Europas ans Netz. Vom Grand Port Maritime aus versorgt sie zentrale Gebäude wie die Terrasses du Port oder den imposante Büroturm CMA-CGM. Ihr Wärmenetz ist drei Kilometer lang – und senkt die CO₂-Emissionen um satte 70 Prozent im Vergleich zu herkömmlichen Systemen.
Massileo, realisiert von Dalkia (einer EDF-Tochter), versorgt die neu entwickelten Stadtteile Smartseille und Les Fabriques. Der Clou: In diesem „intelligenten“ Netzwerk wird Abwärme zwischen Gebäuden hin- und hergeschoben. Was das Büro an Abwärme erzeugt, wärmt das Wohnhaus daneben. Ein echtes Beispiel für Kreislaufdenken. Mit 75 Prozent erneuerbarer Energie im Mix will Massileo künftig eine Fläche von einer halben Million Quadratmetern abdecken.
Vorteile, die man spüren kann
Und was bringt das alles den Menschen vor Ort?
Da ist zum einen die Umweltbilanz: Bis zu 80 Prozent weniger CO₂-Ausstoß im Vergleich zur Nutzung fossiler Brennstoffe, keine Verbrennung, keine Feinstaubbelastung. Das tut der Luftqualität sichtlich gut – und auch der Gesundheit.
Zum anderen wirkt sich die Technologie auch positiv aufs Portemonnaie aus. Da es sich um erneuerbare Wärme handelt, fällt die Mehrwertsteuer niedriger aus. Und durch die hohe Effizienz sinken die Betriebskosten – weniger Energieverbrauch, weniger Kosten.
Nicht zu vergessen: Der Komfort. Die Temperatur in den Wohnungen bleibt stabil, ohne große Schwankungen. Kein Frieren im Winter, kein Schwitzen im Sommer – und immer warmes Wasser. Was will man mehr?
Doch auch wirtschaftlich bringt Thalassothermie Schwung in die Stadt. Es entstehen neue Jobs – im Bau, in der Technik, in der Energieverwaltung. Vom Ingenieur bis zur Wartungsfachkraft: Lokale Arbeitsplätze mit Zukunft.
Ein Modell für andere Küstenstädte?
Marseille beweist: Thalassothermie funktioniert – und zwar nicht nur im Labor, sondern in der Praxis. Ganze Viertel profitieren heute bereits davon. Wäre das nicht auch etwas für andere Städte am Meer?
Natürlich – aber nicht überall klappt es auf Anhieb. Man braucht eine dichte Bebauung, damit sich das Netz lohnt. Die Nähe zum Wasser ist zwingend. Und auch der politische Wille muss da sein, in die Infrastruktur zu investieren.
Doch das Potenzial ist riesig. Ob in Nizza, Barcelona oder Thessaloniki – viele Küstenstädte könnten das Erfolgsrezept aus Marseille übernehmen und anpassen. Wer heute an morgen denkt, sollte diesen Ansatz nicht ignorieren.
Die Kraft des Wassers – mehr als nur Symbolik
Am Ende steht eine klare Botschaft: Die Energiezukunft liegt vor unserer Nase – oder besser gesagt, vor unserer Küste. Thalassothermie ist kein Zukunftsprojekt mehr, sondern gelebte Realität. Marseille zeigt, wie man Stadtentwicklung, Klimaschutz und Lebensqualität unter einen Hut bringt – und dabei noch auf eine lokale, unerschöpfliche Ressource setzt.
Ein bisschen wie das Sprichwort: "Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah?" Nur dass es hier um Millionen von Kilowattstunden geht.
Und wer weiß – vielleicht baden wir bald alle in einem Meer, das nicht nur erfrischt, sondern auch unsere Wohnungen heizt.
Von C. Hatty