Marseille. Lange Zeit dachte man bei diesem Namen nur an Fähren, Fischmärkte, den Geruch von Salz und Diesel, an eine Stadt, die vom Meer lebte und mit ihm rang. Heute rauscht hier noch etwas anderes, unsichtbar, lautlos, unaufhörlich. Daten. Ströme von Informationen, die unter dem Mittelmeer entlanggleiten, anlanden, verteilt und gespeichert werden. Die südfranzösische Metropole hat sich in kaum mehr als einem Jahrzehnt von der Hafenstadt zur digitalen Drehscheibe Europas entwickelt.
Dieser Wandel kam nicht aus dem Nichts. Die Geografie spielte Marseille in die Karten. Wo früher Handelsrouten verliefen, treffen heute Unterseekabel aufeinander, die Europa mit Afrika, dem Nahen Osten und Asien verbinden. Glasfaser statt Gewürze, Server statt Säcke. Die Stadt liegt an einer der wichtigsten digitalen Kreuzungen der Welt. Und wer Daten transportiert, braucht Orte, um sie zwischenzulagern, zu verarbeiten, zu sichern. So rückten die Rechenzentren an.
Wer heute durch bestimmte Industriegebiete der Stadt fährt, sieht sie stehen. Große, meist fensterlose Gebäude, streng gesichert, unscheinbar und doch von enormer Bedeutung. Marseille ist inzwischen der zweitgrößte Standort für Data Center in Frankreich, nur Paris liegt noch vorne. In Europa gehört die Stadt zur Spitzengruppe. Eine gute Handvoll Zentren ist bereits in Betrieb, weitere wachsen aus dem Boden. Internationale Betreiber dominieren das Bild. Namen wie Digital Realty oder Telehouse stehen für Investitionen in Milliardenhöhe und für eine Infrastruktur, die auf Dauer ausgelegt ist.
Digital Realty betreibt in Marseille einen ganzen Campus von Rechenzentren, nummeriert wie Bausteine einer neuen Stadt. MRS1, MRS2, MRS3, weitere sind im Bau. Zusammen erreichen sie Kapazitäten, die vor wenigen Jahren noch unvorstellbar schienen. Telehouse wiederum plant ein neues Zentrum mit einer Leistung, die allein schon zeigt, wie ernst es die Branche meint. Das Vertrauen der Investoren ist groß, die Nachfrage nach Cloud-Diensten, Streaming, Künstlicher Intelligenz und sicherer Datenverarbeitung wächst stetig. Frankreich insgesamt erlebt einen regelrechten Boom an digitalen Infrastrukturen, doch Marseille nimmt dabei eine Sonderrolle ein.
Der eigentliche Trumpf der Stadt liegt unter der Wasseroberfläche. Mehr als ein Dutzend Unterseekabel laufen hier zusammen oder nehmen ihren Ausgang. Diese Kabel transportieren den Großteil des weltweiten Internetverkehrs, sie sind die Schlagadern der globalisierten Wirtschaft. Banken, Plattformen, staatliche Netze – alles hängt an diesen Leitungen. Marseille ist dadurch von einem Durchgangsort zu einem echten Knotenpunkt geworden. Innerhalb weniger Jahre kletterte die Stadt in den internationalen Rankings der Internet-Hubs von hinteren Plätzen in die Spitzengruppe. Ein Aufstieg, der selbst erfahrene Beobachter überrascht hat.
Mit der neuen Rolle kamen neue Versprechen. Arbeitsplätze, wenn auch nicht in Massen. Investitionen, Steuereinnahmen, internationale Sichtbarkeit. Für Politik und Wirtschaft verkörpern die Rechenzentren ein Stück digitaler Souveränität. Daten, so das Argument, sollten möglichst auf europäischem Boden verarbeitet werden. Marseille bietet dafür die passende Infrastruktur, strategisch günstig gelegen, technisch hochgerüstet, international vernetzt. In Zeiten geopolitischer Spannungen klingt das überzeugend.
Doch der Glanz hat Risse. Denn Rechenzentren verschlingen Energie. Sehr viel Energie. Strom für Server, Kühlung, Sicherheitssysteme. In einer Region, die ohnehin vor großen Herausforderungen steht, wird das schnell zum Streitpunkt. Der Strombedarf der digitalen Anlagen konkurriert mit anderen Großprojekten, etwa der Elektrifizierung des Hafens oder der industriellen Transformation. Auch der Wasserverbrauch für Kühlsysteme sorgt für Unruhe, ebenso die Frage nach Flächen in einer dicht bebauten Metropole.
Anwohnerinitiativen und Umweltgruppen melden sich zu Wort. Sie fragen, wem diese Infrastruktur eigentlich dient und wer die Kosten trägt. Ist es sinnvoll, riesige Energiemengen für Datenströme aufzuwenden, die oft anderswo Wertschöpfung erzeugen? Oder ist genau das der Preis, den eine Stadt zahlen muss, um im 21. Jahrhundert relevant zu bleiben? Die Debatte ist emotional, manchmal hitzig, oft grundsätzlicher Natur. Es geht nicht nur um Technik, sondern um Stadtentwicklung, um Lebensqualität, um Prioritäten.
Marseille steht damit exemplarisch für einen größeren Widerspruch. Eine historische Stadt, geprägt von Migration, Handel und sozialer Vielfalt, wird zur stillen Schaltzentrale einer globalen Digitalökonomie. Die neuen Kathedralen sind aus Beton und Stahl, nicht aus Stein. Sie ziehen keine Touristen an, sondern Datenpakete. Ihr Inneres bleibt den meisten verborgen, ihr Einfluss reicht weit über die Stadtgrenzen hinaus.
Man kann das faszinierend finden oder beunruhigend. Wahrscheinlich ist es beides. Sicher ist nur, dass Marseille sich verändert hat und weiter verändern wird. Der Hafen bleibt, das Meer auch. Doch zwischen Kais und Kränen hat sich eine neue Welt eingenistet, leise, kühl, hochvernetzt. Und während irgendwo Serverlüfter surren, stellt sich eine alte Frage neu: Wem gehört die Stadt von morgen?
Von Andreas M. Brucker