Ein sonniger Donnerstagnachmittag im 4. Arrondissement von Marseille. Menschen gehen einkaufen, stehen vor Apotheken, warten an Ampeln. Nichts deutet darauf hin, dass sich hier in wenigen Sekunden ein brutaler Mord abspielen wird. Doch gegen 14:30 Uhr fällt eine Serie von Schüssen – präzise, tödlich. Ziel ist ein junger Mann, gerade einmal 20 Jahre alt, der in seinem Auto sitzt. Er stirbt noch am Tatort.
Der Mord trifft nicht nur seine Familie schwer – es ist der zweite Bruder, den Amine Kessaci, ein bekannter Aktivist gegen den Drogenhandel, innerhalb von fünf Jahren verliert. Es ist auch ein erneuter Tiefpunkt in einem zunehmend eskalierenden Krieg um Einfluss und Kontrolle in Marseille.
Eine Hinrichtung wie aus einem Mafiafilm
Zwei Männer auf einem Motorrad – ein typisches Bild in Marseille, und doch in diesem Fall alles andere als harmlos. Als sie sich dem parkenden Wagen nähern, zückt der Beifahrer eine Waffe. Mehrere Schüsse treffen das Opfer im Brustbereich. Kurz darauf ist alles vorbei. Die Täter flüchten. Später wird das Motorrad ausgebrannt in einem anderen Stadtteil gefunden. Ein bekanntes Muster: Spuren beseitigen, Ermittlungen erschweren, Drohkulisse aufrechterhalten.
Die Ermittlungen sprechen von einer klaren „Hinrichtung“. Keine zufällige Begegnung, kein Streit, keine Eskalation – sondern ein kalt geplanter Mord. Der Begriff „Règlement de comptes“, eine Art mafiöser Schuldenausgleich, fällt erneut. Es ist die Sprache der Unterwelt, die sich in Marseille längst in den Alltag eingeschrieben hat.
Ein junger Mann, der Polizist werden wollte
Das Opfer war nicht polizeibekannt, hatte keinen Eintrag im Strafregister. Im Gegenteil: Der junge Mann wollte Teil des Rechtsstaats werden. Er war mitten im Auswahlverfahren, um Polizist zu werden – „gardien de la paix“, wie es in Frankreich heißt. Eine Entscheidung, die in manchen Vierteln von Marseille heute fast schon als provokativ gilt.
Die Familie – bereits 2020 von einem Mord erschüttert, bei dem der ältere Bruder erschossen und anschließend verbrannt in einem Auto aufgefunden wurde – ist am Boden zerstört. Amine Kessaci, der als Sprachrohr vieler Betroffener gilt, war zu diesem Zeitpunkt schon Zielscheibe. Er hat mit seiner Organisation „Conscience“ lautstark gegen die Drogenbanden in Marseille mobil gemacht und ist bei den letzten Parlamentswahlen angetreten. Nun verliert er auch noch seinen jüngsten Bruder.
Symbol eines kranken Systems
Der Mord reiht sich ein in eine Serie von Gewaltakten, die Marseille seit Jahren heimsuchen. Mehr als 45 Menschen wurden allein 2023 im Kontext des Drogenhandels ermordet – Tendenz steigend. Die Täter? Häufig Jugendliche, oft selbst aus zerrütteten Verhältnissen. Die Opfer? Manchmal Rivalen, manchmal einfach nur falsche Zeit, falscher Ort – und immer öfter auch Unbeteiligte.
Dass es nun offenbar gezielt das familiäre Umfeld eines engagierten Kritikers trifft, lässt viele befürchten, dass hier eine neue Eskalationsstufe erreicht ist. Denn wenn Aktivisten – oder ihre Angehörigen – zum Ziel von Einschüchterungen oder gar Anschlägen werden, stellt sich eine drängende Frage: Wer kontrolliert eigentlich noch diese Stadt?
Zwischen Resignation und Aufbruch
Der Bürgermeister von Marseille sprach von einem „unfassbaren Drama“ und warnte, dass „eine neue Dimension erreicht“ sei, sollte sich der Verdacht eines gezielten Warnschusses gegen Kessaci bestätigen. Doch hinter den politischen Stellungnahmen steht eine tiefere Erkenntnis: Der Rechtsstaat steht auf wackeligen Beinen, wenn ganze Stadtteile sich der Kontrolle durch Banden entziehen.
Amine Kessaci steht für den anderen Weg. Für Aufklärung, für Bildung, für Engagement – und gegen die Normalisierung von Gewalt. Doch wie viel Mut braucht es, um weiterzumachen, wenn das eigene Leben – und das der Liebsten – zur Zielscheibe wird?
Es bleibt das Gefühl von Ohnmacht. Und zugleich die Hoffnung, dass genau solche Taten den Druck erhöhen, endlich zu handeln: mit konsequenter Strafverfolgung, mehr Schutz für Whistleblower und Investitionen in Perspektiven jenseits der Kriminalität.
Denn eines ist klar: Der Kampf um Marseille ist nicht allein einer der Polizei – es ist ein Kampf um das Herz einer Stadt.
Autor: Daniel Ivers