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#MeToo in Uniform – Eine Recherche erschüttert das Vertrauen in Polizei und Gendarmerie in Frankreich

Mehr als zweihundert Polizisten und Gendarmen in Frankreich stehen im Verdacht, zwischen 2012 und 2025 sexuelle Gewalt verübt zu haben – gegen Kolleginnen, Schutzsuchende, festgenommene Personen. Eine Recherche der Investigativplattform Disclose offenbart eine tiefgreifende Krise im Herzen der staatlichen Sicherheitsorgane. Die Enthüllungen, die in Kooperation mit dem Nachrichtenmagazin „L’Œil du 20 heures“ veröffentlicht wurden, dokumentieren…

Mehr als zweihundert Polizisten und Gendarmen in Frankreich stehen im Verdacht, zwischen 2012 und 2025 sexuelle Gewalt verübt zu haben – gegen Kolleginnen, Schutzsuchende, festgenommene Personen. Eine Recherche der Investigativplattform Disclose offenbart eine tiefgreifende Krise im Herzen der staatlichen Sicherheitsorgane.

Die Enthüllungen, die in Kooperation mit dem Nachrichtenmagazin „L’Œil du 20 heures“ veröffentlicht wurden, dokumentieren 215 namentlich bekannte Beamte, gegen die in den vergangenen Jahren wegen sexuellen Missbrauchs, Nötigung oder Vergewaltigung ermittelt wurde. Die Taten richteten sich laut der Auswertung gegen 429 Menschen – davon 76 Prozent Frauen, 18 Prozent Minderjährige und 6% Männer.

Täter mit System

Was die Studie besonders brisant macht, ist weniger die Zahl, sondern das Muster: In vierzig Prozent der Fälle handelte es sich um Wiederholungstäter. Sie nutzten ihren Status, ihre Uniform und die ihnen anvertrauten staatlichen Mittel gezielt aus – etwa, indem sie auf polizeiinterne Daten zugriffen, um Kontakt zu den Opfern aufzunehmen, oder Durchsuchungen vortäuschten, um sich Zugang zu Wohnungen zu verschaffen.

Besonders erschütternd sind die Aussagen jener 57 Frauen, die nach dem Gang zur Polizei – etwa wegen häuslicher Gewalt – selbst Opfer sexueller Übergriffe durch Beamte wurden. Viele von ihnen befanden sich in prekären Lebenssituationen: Sie waren Flüchtlinge, traumatisiert, minderjährig oder lebten mit einer Behinderung. Einige sprachen von Tätern, die sich als „Retter“ inszenierten – und sich dieses Machtverhältnis schamlos zunutze machten.

Wenig Konsequenzen – viel Schweigen

Wie konnte dieses System so lange bestehen?

Die Recherchen zeigen: Die institutionellen Reaktionen sind schleppend. Zwar betont das französische Innenministerium, dass bei jedem begründeten Verdachtsfall intern ermittelt werde. Doch von Konsequenz ist wenig zu spüren. Seit 2021 wurden lediglich 18 Polizisten entlassen, suspendiert oder versetzt. In der Gendarmerie kam es im vergangenen Jahr zu gerade einmal drei Entlassungen bei 46 dokumentierten Fällen sexueller oder sexistischer Gewalt.

Interne Dienstvorschriften? Fehlanzeige. Selbst acht Jahre nach Beginn der internationalen #MeToo-Bewegung existiert in Frankreichs Sicherheitsapparat keine spezifische Dienstanweisung, kein verpflichtendes Schulungsmodul zu diesem Thema. Disclose resümiert: Das Schweigen ist institutionell.

Ein strukturelles Defizit

Ein weiterer Missstand betrifft die rechtliche Grauzone: Der Dienstkodex verpflichtet Beamte zwar zu vorbildlichem Verhalten, verbietet aber nicht explizit sexuelle Beziehungen zu Personen, denen sie dienstlich begegnen – etwa Opfern, Zeuginnen oder Angeklagten. Dies führte in mehreren Fällen dazu, dass Gerichte von „einvernehmlichen Verhältnissen“ ausgingen, selbst wenn ein massives Machtgefälle bestand.

Ein besonders drastisches Beispiel: Ein Gendarmeriemajor wurde 2024 verurteilt – nicht wegen Vergewaltigung, sondern wegen „Ausnutzung einer psychischen Schwäche“. Die neun betroffenen Frauen wurden formal als einwilligungsfähig gewertet, obwohl sie in Gewaltbeziehungen lebten oder akut traumatisiert waren.

Ein Vertrauen, das bröckelt

In einer Zeit, in der das Vertrauen in staatliche Institutionen ohnehin auf dem Prüfstand steht, werfen die Recherchen ein düsteres Licht auf einen Berufsstand, dessen zentrale Aufgabe der Schutz Schwächerer ist. Die Grenze zwischen Macht und Missbrauch verläuft in diesen Fällen nicht nur entlang individueller Verfehlungen – sie ist strukturell angelegt.

Die französische Gesellschaft muss sich fragen, wie viel Kontrolle sie über jene Institutionen ausübt, die ihr Gewaltmonopol tragen. Die Antwort darf nicht in halbherzigen Personalmaßnahmen liegen – sie braucht eine systemische Neujustierung von Rechenschaft, Ausbildung und Verantwortung.

Autor: Andreas M. B.

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