Sie war gerade aus dem Auto gestiegen, ihr kleiner weißer Hund auf dem Arm. Ein Moment der Gewohnheit – und zugleich der letzte ihres Lebens. Karen Carter, 65, wurde am Abend des 29. April 2025 vor ihrem Haus in Trémolat, einem winzigen Dorf mit kaum 600 Seelen in der Dordogne, brutal erstochen. Sie starb, wo sie lebte – mitten in ihrer neuen Heimat, in einem Leben, das eigentlich erst angefangen hatte.
Sieben Monate später: Die Ermittlungen stocken, der Täter bleibt unbekannt. Am Mittwoch, 26. November, kurz nach 17 Uhr, gibt die Polizei bekannt, dass nun ein öffentlicher Zeugenaufruf geplant sei. Ein letzter Versuch, Licht in diese erschütternde Dunkelheit zu bringen.
Denn trotz monatelanger Ermittlungsarbeit – in Frankreich, England und Südafrika – ist der Fall noch immer ungelöst.
Die Tat war schnell, brutal, präzise. Ein „scharfer Gegenstand“, so heißt es im Untersuchungsbericht, habe Karen tödlich getroffen. Am helllichten Tag, vor ihrem eigenen Haus, direkt nach ihrer Rückkehr von einem Abend mit Freunden. Minuten später fand sie ihr Lebensgefährte – blutüberströmt, leblos. Er wählte den Notruf. Doch für Karen Carter kam jede Hilfe zu spät.
Was dann folgte, war eine Ermittlung in alle Richtungen. Dutzende, ja hunderte Zeugen wurden befragt. Die Spurensicherung sicherte DNA-Proben von „mehreren Dutzend“ Personen, hauptsächlich aus Trémolat. Doch keiner der genetischen Fingerabdrücke passte. Nicht einer. Auch nicht jener ihres Partners, der unmittelbar nach der Tat in Polizeigewahrsam genommen wurde. Ebenso wie eine weitere Dorfbewohnerin, 59 Jahre alt, deren Alibi sich rasch als stichhaltig erwies.
Die Behörden wollten nichts dem Zufall überlassen – ein Sonderteam der Gendarmerie aus Agen wurde eingeschaltet, forensische Experten und internationale Verbindungsbeamte reisten an. Man sprach sogar von einem möglichen Auftragsmord. Ein Motiv? Fehlanzeige. Verdächtige? Keiner, der blieb.
Karen Carter war eine Frau mit zwei Heimaten – britisch und südafrikanisch – und mit einem Herzen, das sich in Trémolat verwurzelt hatte. Sie war keine Unbekannte. Sie organisierte Veranstaltungen im Café Village, dem kleinen kommunalen Treffpunkt des Ortes, engagierte sich im Vereinsleben, brachte Menschen zusammen. Und sie spielte Fußball – bei einem Turnier für über 50-jährige Frauen, dem „Mamie Foot“, vertrat sie Frankreich in Südafrika, wenige Wochen vor ihrer Ermordung.
All das macht ihre Ermordung noch rätselhafter.
„Alle denkbaren Spuren wurden verfolgt“, heißt es aus Kreisen der Ermittler. Doch bis heute kein Geständnis, keine Überwachungskamera, kein einziger stichhaltiger Hinweis. Für die Familie ist das kaum auszuhalten. „Alles, was zur Wahrheitsfindung beiträgt, ist willkommen“, sagt ihr Anwalt Reda Hammouche. Die Hoffnung stirbt zuletzt, aber sie trägt schwer.
Und so geht es weiter: Die Justiz hat grünes Licht gegeben, die Öffentlichkeit wird nun gezielt eingebunden. Wer etwas gesehen hat, wer etwas gehört hat – möge sich melden. Auch nach sieben Monaten. Denn jede Information zählt. Vielleicht sogar gerade jetzt, da Gras über die Sache gewachsen scheint. Vielleicht redet jetzt jemand, der zuvor geschwiegen hat.
Die Geschichte von Karen Carter ist tragisch, weil sie so alltäglich begann. Ein kleiner Hund, eine späte Liebe, ein neues Zuhause – das alles endete in einem Akt unfassbarer Gewalt. Zurück bleiben ein trauernder Lebenspartner, ein fassungsloses Dorf und ein Familienkreis, der nach Gerechtigkeit verlangt.
Aber vor allem bleibt eines: eine Frage, die niemand beantworten kann.
Noch nicht.
Autor: Daniel Ivers