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Montmartre am Limit – Wenn Paris am eigenen Charme zu ersticken droht

Es klingt wie ein romantischer Traum: Mit einem Café au Lait in der Hand durch die kopfsteingepflasterten Gassen schlendern, die Künstler auf der Place du Tertre beobachten und den Blick von der Basilika Sacré-Cœur über das weite Paris schweifen lassen. Doch dieser Traum ist für viele zur täglichen Tortur geworden. Montmartre wird überrannt 36,3 Millionen…

Montmartre

Es klingt wie ein romantischer Traum: Mit einem Café au Lait in der Hand durch die kopfsteingepflasterten Gassen schlendern, die Künstler auf der Place du Tertre beobachten und den Blick von der Basilika Sacré-Cœur über das weite Paris schweifen lassen.

Doch dieser Traum ist für viele zur täglichen Tortur geworden.

Montmartre wird überrannt

36,3 Millionen Touristinnen und Touristen haben 2024 die Region Paris besucht – fast so viele wie vor der Pandemie. Für Montmartre, das Herz der Pariser Bohème, bedeutet das: Ausnahmezustand auf Dauer.

Die engen Straßen, einst Zufluchtsort für Poeten und Maler, sind heute vollgestopft mit Reisebussen, Führungen in fünf Sprachen gleichzeitig und Selfie-Sticks, die sich gegenseitig ins Bild drängen.

Das Viertel lebt – aber es ächzt.

„Wir fühlen uns überrollt“

Julie Meynard, seit zehn Jahren Anwohnerin, spricht von einer „Invasion“. Ihre Stimme klingt nicht dramatisch, sondern resigniert: „Es geht nicht nur um Luftverschmutzung – die visuelle Überreizung, der Lärm, das ständige Ausweichen in den Gassen... Es ist einfach zu viel.“

Und man versteht sie.

Busse parken in zweiter Reihe, Lieferdienste bleiben stecken, Kinderwagen und Rollatoren haben kaum eine Chance. Wer hier lebt, muss täglich Slalom laufen.

Die Stadt zieht die Notbremse

Die Pariser Stadtverwaltung weiß um das Problem – und versucht gegenzusteuern. Frédéric Hocquard, Tourismusbeauftragter der Stadt, bringt es auf den Punkt: Paris müsse lernen, mit weniger Touristen auszukommen – zumindest mit weniger auf einmal.

Eine seiner Hauptzielscheiben: die riesigen Reisebusse. Zwischen 500 und 600 von ihnen kreuzen täglich durch die Hauptstadt, die allermeisten davon mit Dieselmotor. Umweltfreundlich klingt anders.

Die Maßnahmen? Teils bereits in Kraft, teils in Planung:

  • Keine neuen Hotels mehr im Zentrum.
  • Airbnb-Vermietungen auf maximal 120 Tage pro Jahr begrenzt.
  • Erste Überlegungen zu einer vollständigen Fußgängerzone rund um den Montmartre-Hügel.

Ein radikaler Schritt? Vielleicht. Aber auch ein notwendiger.

Tourismusbranche in Alarm

Ingrid Mareschal von der Föderation der Reisebusbetreiber warnt: Eine pauschale Verurteilung der Busse greife zu kurz. Sie seien effizient, wirtschaftlich – und in vielen Fällen die einzige Möglichkeit für größere Gruppen, gemeinsam zu reisen.

Auch Tourguides schlagen Alarm. Mert Oz, Reiseleiter aus der Türkei, bringt es pragmatisch auf den Punkt: „Wir sind immer um die vierzig Leute. Wenn wir Metro fahren, verliere ich garantiert zwei oder drei.“ Die Alternative ist also nicht einfach – weder logistisch noch organisatorisch.

Balanceakt mit Tücken

Paris steht vor einem Dilemma: Wie bewahrt man das kulturelle Erbe und die Lebensqualität der Einheimischen, ohne sich wirtschaftlich selbst zu schaden?

Denn der Tourismus bringt nicht nur Lärm, sondern auch Leben in die Stadt. Arbeitsplätze, Einnahmen, internationale Sichtbarkeit – ein Balanceakt zwischen Herz und Hirn, zwischen Flair und Verantwortung.

Montmartre wird dabei zum Symbolfall.

Ein Viertel, das einst Künstler anzog, heute Selfiejäger – und morgen vielleicht wieder Spaziergänger mit Sinn für Ruhe und Charme?

Zukunft mit Fußgängerzonen?

Die Diskussion um die Fußgängerzone in Montmartre könnte zum Wendepunkt werden. Viele Anwohner würden davon profitieren. Weniger Abgase, mehr Platz zum Atmen. Doch ohne Alternativen für den Reiseverkehr wird es nicht gehen.

Warum nicht kleinere, elektrische Shuttlebusse? Oder streng getaktete Besucherfenster, wie es Museen längst praktizieren?

Eine rhetorische Frage drängt sich auf: Muss man erst das Herz verlieren, um seinen Rhythmus zu überdenken?

Montmartre braucht neue Ideen – und keine nostalgische Starre.

Denn der Charme des Viertels lebt nicht nur von seinen Mauern, sondern vor allem von dem Gefühl, dort wirklich zu sein – und nicht nur durchgeschleust zu werden.

Von C. Hatty

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