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Mormant-sur-Vernisson im Fokus: Europas radikale Rechte feiert ihren Aufstieg

Am 9. Juni 2025 wird das französische Dorf Mormant-sur-Vernisson, mit nur etwa 130 Einwohnern ein Symbol der ländlichen Abgeschiedenheit, zum Zentrum der europäischen Politik. Der Rassemblement National (RN) lädt zu einer „Siegesfeier“, mit der an das Ergebnis der Europawahl 2024 erinnert werden soll – 32 Prozent der Stimmen in Frankreich, ein historischer Erfolg für die…

Jordan Bardella, Marine Le Pen (Screenshot X / @J_Bardella)

Am 9. Juni 2025 wird das französische Dorf Mormant-sur-Vernisson, mit nur etwa 130 Einwohnern ein Symbol der ländlichen Abgeschiedenheit, zum Zentrum der europäischen Politik. Der Rassemblement National (RN) lädt zu einer „Siegesfeier“, mit der an das Ergebnis der Europawahl 2024 erinnert werden soll – 32 Prozent der Stimmen in Frankreich, ein historischer Erfolg für die Partei von Marine Le Pen und Jordan Bardella. Doch der Anlass ist mehr als nur eine Feier. Er markiert die ideologische und strategische Verfestigung eines europäischen Netzwerks der äußersten Rechten.

Gäste wie Viktor Orbán aus Ungarn, Matteo Salvini aus Italien, Geert Wilders aus den Niederlanden und Santiago Abascal aus Spanien – sie alle haben ihr Kommen angekündigt. Gemeinsam mit dem RN wollen sie in Mormant eine neue Etappe auf dem Weg zur paneuropäischen Zusammenarbeit nationalistischer und rechtspopulistischer Kräfte beschreiten. Die Wahl des Ortes folgt dabei einer kalkulierten Symbolik.

Ein symbolträchtiger Ort

Mormant-sur-Vernisson erzielte bei den französischen Parlamentswahlen 2024 einen Stimmenanteil von 89,7 Prozent zugunsten des RN – ein Rekordwert, der den Ort zum "Musterbeispiel" für die Strategie des RN macht, in ländlichen Gebieten und strukturschwachen Regionen Wähler zu binden. Der Veranstaltungsort ist ein privates Grundstück im Besitz von Christian Charpentier, dem ehemaligen Bürgermeister. Dieser rechtfertigte seine Entscheidung mit der Sorge über die Auswirkungen ukrainischer Getreideimporte auf die französische Landwirtschaft – ein zentrales Thema im Diskurs der agrarisch orientierten Rechten.

Die lokale politische Landschaft reagiert gespalten. Während Vincent Desrumeaux, amtierender Bürgermeister des Ortes, neutral bleibt und auf seine fehlende Autorität über privates Eigentum verweist, äußern andere offene Kritik. Benoît Digeon, konservativer Bürgermeister von Montargis, bezeichnete das Treffen als Affront gegen die europäische Idee: „Ohne Europa wären wir nichts.“ Jean-Pierre Door, ehemaliger LR-Abgeordneter, zeigte sich gar „geschockt“ über die Austragung in einem traditionell republikanischen Wahlkreis.

Europäische Vernetzung unter nationalistischem Vorzeichen

Das politische Gewicht dieser Veranstaltung liegt in der europäischen Dimension. Das Netzwerk „Patrioten für Europa“, das Jordan Bardella nach der Wahl 2024 ins Leben rief, umfasst derzeit 85 Abgeordnete aus 14 Ländern. Ziel ist der Aufbau eines geschlossenen, koordinierten Blocks innerhalb des Europäischen Parlaments, der durch seine Größe den Einfluss etablierter Fraktionen wie EVP, S&D oder Renew Europe herausfordern kann.

Die gemeinsame Plattform verbindet antieuropäische Rhetorik mit Betonung nationaler Souveränität, restriktiven Migrationspolitiken und einer Ablehnung ökologischer Transformationen, wie sie etwa im „Green Deal“ der EU-Kommission angelegt sind. Mit Orbán, Salvini, Wilders und Abascal kommen führende Köpfe zusammen, deren Parteien in ihren jeweiligen Ländern als parlamentarisch legitimierte Vertreter nationalistischer Strömungen agieren.

Bardella betont dabei die Notwendigkeit einer „europäischen Kooperation der Patrioten“. Die Wahl eines kleinen französischen Dorfes als Ort dieser symbolträchtigen Inszenierung soll genau dies vermitteln: Rückbesinnung auf die „wahren“ Europäer, auf die „Wurzeln“ jenseits der „elitären Metropolen“ – ein direkter Kontrast zur urban geprägten Brüsseler EU-Bürokratie.

Territoriale Strategie der Rechten

Die Wahl von Mormant-sur-Vernisson steht beispielhaft für die territoriale Strategie der extremen Rechten: Während die politische Mitte zunehmend in urbanen Zentren verortet ist, versucht der RN seine soziale Basis in den Regionen zu festigen, die sich durch ökonomischen Strukturwandel, demografischen Rückgang und Infrastrukturschwächen marginalisiert fühlen. Diese „peripheren Zonen“ bieten fruchtbaren Boden für das Narrativ einer verratenen Nation und einer abgehobenen Elite.

In dieser Logik wird das Dorf zum Modellfall eines „anderen Europas“, das auf Tradition, Nation und Abgrenzung baut. Auch der Versuch, kulturelle Symbole – etwa die französische Landwirtschaft – zu mobilisieren, ist Teil dieser Strategie. Die Ablehnung ukrainischer Agrarprodukte wird nicht nur als ökonomische Gefahr dargestellt, sondern als Ausdruck eines Bruchs mit nationaler Selbstversorgung.

Politische Spannungen im französischen Kontext

Frankreich selbst steht inmitten tiefgreifender politischer Spannungen. Seit den Protesten gegen die Rentenreform und den sozialen Verwerfungen der letzten Jahre hat sich ein wachsender Teil der Bevölkerung politisch entfremdet. Der RN gelingt es zunehmend, sich als Alternative zu einer als ineffizient und abgehoben wahrgenommenen politischen Klasse zu inszenieren – nicht zuletzt auch durch das Auftreten Bardellas, der bewusst auf ein moderneres, jugendliches Image setzt.

Zugleich verstärken sich die ideologischen Gegensätze zwischen pro-europäischen Kräften und souveränistischen Strömungen. Der politische Erfolg des RN zwingt die republikanischen Parteien zur Klärung ihrer Positionen – sowohl hinsichtlich der europäischen Integration als auch in der Frage des Umgangs mit der extremen Rechten.

Der 9. Juni in Mormant-sur-Vernisson wird somit nicht nur ein Treffen Gleichgesinnter sein. Es ist auch ein Testfall: Wie weit reicht die Mobilisierungsfähigkeit des RN außerhalb digitaler Räume? Wie stark ist die europäische Rechte inzwischen vernetzt? Und welche Wirkung entfaltet ein symbolträchtiger Ort, wenn er zum Schauplatz eines politischen Schulterschlusses wird?

P.T.

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