„No macadam!“ (Kein Asphalt!) – diese Worte hallten am Wochenende über die Felder des Tarn.
Es war kein harmloses Festival, das dort stattfand, auch wenn es sich zunächst so anhörte: „Turboteuf“ nannten die Organisatoren ihre Protestaktion im Park des Château de Scopont, mitten in der südfranzösischen Sommerhitze. Doch hinter Techno, Redebeiträgen und Zelten brodelte Wut – Wut auf den Asphalt.
Rund 1.000 Menschen kamen am Samstag zusammen, trotz eines Verbots der Präfektur. Ihr Ziel: das Projekt der Autobahn A69 zu stoppen, die Toulouse mit Castres verbinden soll. Ein Projekt, das seit Jahren wie ein Schatten über der Region liegt.
Denn für die Gegner ist es nichts weniger als ein „ökologisches Verbrechen“.
Die Ereignisse spitzten sich schnell zu. Noch am Nachmittag verließen viele Demonstrierende den Bereich des Schlossparks und zogen in Richtung der Baustelle. Auf der Nationalstraße 126 errichteten sie Barrikaden aus Baumstämmen und Paletten. Sprechchöre gegen die Autobahnpläne mischten sich mit Trommeln, Trillerpfeifen und den Sirenen der Einsatzfahrzeuge.
Die Polizei war vorbereitet.
Rund 1.500 Gendarmen standen bereit, unterstützt von einem Helikopter, Wasserwerfern und Tränengasgranaten. Als Steine flogen, antworteten die Einsatzkräfte ohne Zögern. Inmitten des Tränengases flimmerten Bilder von Vermummten mit Catapulten und Petanque-Kugeln in den Nachrichtenkanälen.
257 Gegenstände beschlagnahmten die Beamten, darunter Hämmer, Haken, improvisierte Schleudern, ja sogar Äxte. Die Behörden sprachen von einem gewaltbereiten Kern unter den Aktivisten. Ein Funke – so wirkte es – hätte gereicht, um das Pulverfass zur Explosion zu bringen.
Frankreichs Innenminister Bruno Retailleau nannte sie „barbares sans limite“ – Barbaren ohne Grenzen –, die Chaos stiften und Polizisten attackieren wollten. Präsident Emmanuel Macron stellte sich klar hinter seine Ordnungskräfte: „Force doit rester à la loi“ – Die Stärke liegt beim Gesetz.
Doch worum geht es bei diesem Streit eigentlich?
Die A69, 62 Kilometer Autobahn quer durch Felder, Wälder und landwirtschaftliche Flächen, soll die Industriestadt Castres besser an Toulouse anbinden. Für Wirtschaft, Industrie und Pendler klingt das nach Fortschritt, weniger Staus, mehr Tempo. Doch für Umweltschützer ist es ein Stich ins Herz der Natur.
Sie sprechen von der Zerstörung wertvoller Böden, von Eingriffen in sensible Ökosysteme, von einer Maßnahme, die dem Klimaschutz widerspricht. Denn statt in Asphalt, so sagen sie, sollte Frankreich in die Modernisierung der bestehenden Nationalstraße RN126 oder in eine leistungsfähige Bahnverbindung investieren.
Eine berechtigte Frage steht im Raum: Braucht es im Jahr 2025 wirklich noch neue Autobahnen – oder eher Ideen, wie man ohne sie auskommt?
Die Justiz urteilte im Februar zunächst zugunsten der Umweltaktivisten und entzog dem Projekt seine Genehmigung. Doch das Berufungsgericht setzte diese Entscheidung aus, sodass die Bauarbeiten wieder aufgenommen wurden. Seither ist der Konflikt neu entfacht.
Die Demonstranten gaben sich trotz Tränengas und Festnahmen kämpferisch. Am Abend kehrten sie in den Park des Château de Scopont zurück, tanzten, lauschten Konzerten und planten bereits die nächsten Schritte ihres Widerstands. Ihr Ziel bleibt, den Bau endgültig zu stoppen – sie sprechen von einem „ökofaschistischen Projekt“, das die Natur opfere und zugleich alte Machtstrukturen zementiere.
Für die Bewohner der Region ist der Konflikt längst Alltag. Manche wünschen sich die Autobahn für ihre tägliche Fahrt zur Arbeit. Andere fürchten, dass ihr Dorf künftig nur noch eine Ausfahrt sein wird – ohne Leben, ohne Charakter, ohne Zukunft.
Und am Horizont steht diese Autobahn wie ein Symbol: für Frankreichs alte Liebe zum Auto und den wachsenden Wunsch vieler Menschen, endlich umzudenken.
Denn was ist Fortschritt wirklich?
Asphalt unter den Reifen – oder ein Land, das seine Landschaften schützt und neue Wege des Miteinanders findet?
Die Antwort darauf sucht Frankreich nicht nur im Tarn, sondern überall dort, wo Straßen und Wiesen, Beton und Leben, Wirtschaft und Klima aufeinanderprallen.
Autor: Andreas M. Brucker