Wer gedacht hat, der Sommer in Paris verabschiede sich pünktlich zum kommenden Monatswechsel – der irrt gewaltig. Denn die Stadt macht das Unmögliche möglich: Die Badesaison in der Seine wird verlängert. Und das mitten in einer Millionenmetropole, die fast ein Jahrhundert lang auf Schwimmen im Fluss verzichten musste.
Anne Hidalgo, die Bürgermeisterin von Paris, hat die frohe Botschaft persönlich verkündet. Die ursprünglich bis zum 31. August geplanten Badezonen bleiben länger geöffnet: In Grenelle darf bis zum 7. September geplanscht werden, in Bercy sogar bis zum 14. September. Und als krönender Abschluss ist ein letztes Bade-Wochenende am 20. und 21. September geplant – natürlich wetterabhängig.
Ein historischer Entschluss – aus gutem Grund
Die Entscheidung fiel nicht aus einer Laune heraus. Seit dem 5. Juli haben rund 100.000 Menschen die Möglichkeit genutzt, wieder in der Seine zu baden – das erste Mal seit 1923. Der Andrang war riesig, die Begeisterung spürbar. Besonders im August herrschte Hochbetrieb, mit einem regelrechten Besucherrekord in der Woche um Mariä Himmelfahrt: über 23.500 Badegäste.
Für die Stadt war das ein deutliches Signal.
Die Nachfrage war da, die Wasserqualität stabil, die Resonanz durchweg positiv. Warum also den Stecker ziehen, nur weil der Kalender den September ankündigt?
Ein spätsommerliches Geschenk an die Stadt
Paris macht etwas, das in Städten selten geworden ist: Es hört zu. Und handelt. Mit der Verlängerung der Saison schenkt die Stadt ihren Bewohnerinnen und Bewohnern noch ein paar kostbare Wochen Sommergefühl. Ohne Flugticket, ohne Reise, ohne Chlorgeruch.
Es ist auch eine Anerkennung all jener, die dieses Projekt mitgetragen haben – von Ingenieuren und Umweltexperten bis hin zu den unzähligen freiwilligen Helfern, die den reibungslosen Betrieb ermöglicht haben.
Die Seine – einst Symbol für Verschmutzung und Verbote – wird nun zum Sinnbild für urbane Lebensfreude.
Olympisches Erbe in Aktion
Der Impuls kam von den Olympischen Spielen 2024. Im Rahmen der Vorbereitungen investierte die Stadt Millionen in die Säuberung des Flusses, baute Rückhaltebecken wie das von Austerlitz und machte die Seine damit wieder schwimmtauglich.
Doch was als Prestigeprojekt begann, hat sich zum Herzensprojekt entwickelt.
Niemand hätte wohl 2020 ernsthaft gewettet, dass Paris 2025 freiwillig seine Füße in die Seine taucht. Und jetzt? Da hängen die Menschen in Liegestühlen am Ufer, springen von Pontons ins Wasser und genießen ein Stück Sommer mitten in der Stadt.
Die Verlängerung – ein Test für die Zukunft
Mit der Entscheidung, die Badesaison zu verlängern, geht Paris in gewisser Weise in die zweite Phase seines Flussexperiments. Jetzt zeigt sich, wie belastbar das Konzept ist: Bleibt die Wasserqualität stabil, auch bei wechselhaftem Wetter? Wie reagiert die Infrastruktur auf eine längere Beanspruchung? Und vor allem: Wird das spätsommerliche Schwimmen zur neuen Tradition?
Eine Frage drängt sich dabei geradezu auf: Warum sollten Flüsse in Großstädten nicht das ganze Jahr über öffentlich zugänglich sein – zum Schwimmen, Verweilen, Leben?
Ein mutiger Schritt mit Vorbildcharakter
Paris hat die Latte hochgelegt. Die Verlängerung der Badesaison in der Seine ist mehr als ein logistisches Detail – sie ist ein Zeichen. Ein Zeichen für Mut, für Vertrauen in die eigene Vision, für den politischen Willen, die Stadt neu zu denken.
In einer Zeit, in der vielerorts Freizeitangebote schrumpfen, Räume privatisiert werden und Zugang zu Natur zur Frage des Geldbeutels wird, öffnet Paris seinen Fluss für alle.
Und zwar noch ein paar Wochen länger.
Also: Badehose einpacken – Paris bleibt nass.
Daniel Ivers