À la une

Notre-Dame de Bétharram: Jahrzehnte des Schreckens hinter Klostermauern

Man sieht es nicht von außen. Ein malerisches Internat im Schatten der Pyrenäen, Klostergebäude aus hellem Stein, gepflegte Gärten, Glockenturm im Morgenlicht. Doch hinter den Mauern der katholischen Schule Notre-Dame de Bétharram in Lestelle-Bétharram spielte sich über Jahrzehnte ein Albtraum ab – geprägt von Gewalt, Missbrauch und systematischer Einschüchterung. Und dieser Albtraum kam nun ans…

Betharram, Kloster und Internat (Wikipedia)

Man sieht es nicht von außen.

Ein malerisches Internat im Schatten der Pyrenäen, Klostergebäude aus hellem Stein, gepflegte Gärten, Glockenturm im Morgenlicht. Doch hinter den Mauern der katholischen Schule Notre-Dame de Bétharram in Lestelle-Bétharram spielte sich über Jahrzehnte ein Albtraum ab – geprägt von Gewalt, Missbrauch und systematischer Einschüchterung.

Und dieser Albtraum kam nun ans Licht.

Ein System der Angst und des Missbrauchs

Seit den 1950er-Jahren bis in die frühen 2000er herrschte in Notre-Dame de Bétharram ein Klima der Gewalt. Die Zeugenaussagen ehemaliger Schüler gleichen sich: Sie erzählen von Schlägen, die so heftig waren, dass Kinder das Bewusstsein verloren, von Demütigungen, von einem System permanenter Angst.

Und sie berichten von sexuellem Missbrauch.

Die Täter? Lehrer, Priester, Aufsichtspersonal. Männer, denen Eltern ihre Kinder anvertrauten. Männer, die ihre Macht schamlos ausnutzten.

Was bedeutet es, wenn ein Ort, der Schutz und Bildung bieten soll, stattdessen zu einem Gefängnis wird, in dem Unschuld systematisch zerstört wird?

Zivilrechtliche Verantwortung der Schule

2006 sprach das Berufungsgericht von Pau ein wegweisendes Urteil. Es erklärte die Schule Notre-Dame de Bétharram zivilrechtlich verantwortlich für die Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffe, die der damalige Direktor Pierre Silviet-Carricart begangen hatte.

Damit war klar: Nicht nur Einzelne, sondern das ganze System trug Schuld.

Stimmen der Opfer: „Wir lebten in ständiger Angst“

Viele Betroffene schwiegen jahrzehntelang. Die meisten hatten ihre Erlebnisse tief vergraben. Doch jetzt brechen sie ihr Schweigen. Einer von ihnen ist Pascal Gélie. Er erzählt, wie er schon in seiner ersten Nacht im Internat Opfer von Gewalt und Erniedrigung wurde.

Es begann mit den kleinsten Anlässen.

Wer sein Bett nicht korrekt machte, wurde geschlagen. Wer sich wehrte, wurde erniedrigt.

Andere Opfer berichten von wiederholten sexuellen Übergriffen durch Priester und Aufsichtspersonal. Besonders Kinder aus prekären Verhältnissen wurden gezielt missbraucht – eine perfide Form der Machtausübung gegenüber den Schwächsten.

Politische Dimensionen – und prominente Verbindungen

Der Skandal zieht inzwischen weite Kreise bis in höchste politische Ebenen Frankreichs.

François Bayrou, derzeit Premierminister, sieht sich mit unbequemen Fragen konfrontiert. Seine Kinder besuchten das Internat. Seine Tochter Hélène Perlant schilderte, dass sie während eines von der Schule organisierten Sommerlagers selbst Opfer von Gewalt wurde. Medien fragen nun: Wusste Bayrou damals von den Zuständen?

Die Antwort bleibt bisher vage. Doch der Fall zeigt: Niemand ist von der Verantwortung entbunden, wenn solche Taten in seinem Umfeld geschehen.

Untersuchungsausschuss und politische Konsequenzen

Die Schwere der Enthüllungen führte zur Einsetzung einer parlamentarischen Untersuchungskommission. Ihr Ziel: Aufklärung und Prävention. Der Abschlussbericht wird in Kürze erwartet und enthält 50 konkrete Empfehlungen – darunter strengere Kontrollen in Internaten, bessere Meldepflichten und psychologische Betreuungssysteme.

Doch reicht das?

Forderungen der Opfer: „Reformiert die Gesetze!“

Betroffenenverbände fordern radikale Veränderungen. Sie wollen nicht nur Entschuldigungen und symbolische Anerkennung, sondern echte juristische Konsequenzen. Ihr wichtigstes Anliegen: Die Verjährungsfristen für Sexualverbrechen an Minderjährigen sollen abgeschafft werden.

Warum? Weil die meisten Opfer erst Jahrzehnte später sprechen können – wenn ihr inneres Gefängnis langsam bröckelt und sie bereit sind, das Unsagbare in Worte zu fassen.

Eine zögerliche Reaktion der Kirche

Die verantwortliche Ordenskongregation hat inzwischen die Missbrauchsfälle eingeräumt und eine unabhängige Untersuchung eingeleitet. Doch viele Opfer empfinden dies als zu wenig und zu spät. Sie fordern konkrete Wiedergutmachung. Es geht nicht um Geld.

Es geht um Gerechtigkeit, die Würde zurückgibt.

Ein mögliches Ende des Schweigens?

Der Skandal um Notre-Dame de Bétharram zeigt, wie leicht Kinder in geschlossenen Bildungseinrichtungen zum Freiwild werden könnee – und wie lange solche Verbrechen ungestraft bleiben, wenn Mauern nicht nur aus Stein bestehen, sondern auch aus Schweigen und Angst.

Vielleicht markiert dieser Fall einen Wendepunkt. Vielleicht wird er Frankreich zwingen, genauer hinzusehen – und nie wieder wegzuschauen.

Autor: Daniel Ivers

https://twitter.com/France24_fr/status/1939699341901639949

Ende des Artikels