Paris – 01.08.2026: Der Übersetzer und Essayist Olivier Mannoni warnt vor einer beschleunigten Verrohung der politischen Sprache und vor zunehmenden Angriffen der extremen Rechten auf Kultur und geistige Arbeit. In einem Gespräch mit Franceinfo beschreibt er eine Auseinandersetzung, die sich längst nicht auf Wahlkampfparolen beschränke. Sie greife in den alltäglichen Wortschatz, in öffentliche Debatten und in die Fähigkeit ein, politische Wirklichkeit präzise zu benennen.
Mannoni kennt die politische Macht der Sprache aus nächster Nähe. Der Germanist hat Adolf Hitlers "Mein Kampf" für eine wissenschaftlich kommentierte französische Ausgabe neu übersetzt. Wer sich Satz für Satz durch diese Prosa arbeite, begegne keiner bloßen historischen Kuriosität, sondern einem Geflecht aus Vereinfachung, Verdrehung und aggressiver Wiederholung. Die sprachliche Unordnung sei kein zufälliger Mangel, sondern Teil der politischen Wirkung.
Sein 2024 erschienenes Essay "Coulée brune. Comment le fascisme inonde notre langue" trägt auf Deutsch den Titel "Braune Flut. Wie der Faschismus unsere Sprache überschwemmt". Darin untersucht Mannoni, wie Begriffe verschoben, Feindbilder normalisiert und historische Vergleiche entleert werden. Es geht ihm nicht um die pedantische Bewachung einzelner Wörter. Seine Sorge gilt einer Rhetorik, die Komplexität als Schwäche behandelt und die Verachtung für Argumente zur Pose erhebt.
Die Diagnose berührt einen empfindlichen Punkt der französischen Gegenwart. Werden politische Gegner pauschal zu Bedrohungen erklärt, Medien grundsätzlich als Lügner abgetan oder ganze Gruppen mit abwertenden Sammelbegriffen belegt, verändert sich der Ton des Gemeinwesens. Die Grenze zwischen zugespitzter Rede und gezielter Entmenschlichung ist selten deutlich markiert. Häufig wird sie beiläufig überschritten, bis das zuvor Anstößige vertraut klingt.
Kultur und Denken beschreibt Mannoni als besonders verwundbare Bereiche. Bücher, Schulen, Theater, Forschung und Journalismus geraten unter Rechtfertigungsdruck, sobald kritische Perspektiven als elitär oder volksfern etikettiert werden. Der Angriff richtet sich dann weniger gegen ein einzelnes Werk als gegen die Freiheit, Widersprüche auszuhalten. Ohne diese Zumutung verkümmert demokratischer Streit zur bloßen Verwaltung von Zustimmung.
Der Begriff Faschismus verlangt dabei historische Genauigkeit. Mannoni verwendet ihn nicht als beliebiges Schimpfwort, sondern mit Blick auf sprachliche Mechanismen, die autoritäre Vorstellungen vorbereiten können: die Verklärung einer homogenen Gemeinschaft, die Herabsetzung von Minderheiten, die Abwertung unabhängiger Institutionen und die Berufung auf einen vermeintlich ungebrochenen Volkswillen. Seine Warnung richtet sich gegen Gewöhnung, nicht gegen scharfe politische Kontroversen.
Im März 2026 wurden "Coulée brune" und Mannonis früheres Buch "Traduire Hitler" gemeinsam als Taschenbuch neu aufgelegt. Seine Forderung bleibt nüchtern: Wer der Verrohung widersprechen will, muss auf Wörter achten, bevor Wiederholung aus Behauptungen scheinbare Gewissheiten macht.
Quellen
- Franceinfo
- Bibliothèque nationale de France
- Le Monde
Artikel mit Hilfe künstlicher Intelligenz erstellt (Transparenzhinweis im Sinne von Artikel 50 der Verordnung (EU) 2024/1689 – EU AI Act).