Ein Name wie aus einem Krimi – und doch bittere Realität. „Operation Octopus“ lautet der interne Codename eines groß angelegten Polizeieinsatzes, der Anfang der Woche den Süden Frankreichs erschütterte. Ermittler der Gendarmerie schlugen gleichzeitig in mehreren Départements zu. Am Ende der Aktion standen 42 Festnahmen und ein deutliches Signal des Staates: Der Kampf gegen die organisierte Kriminalität in Marseille erreicht eine neue Eskalationsstufe.
Die Operation gilt bereits jetzt als einer der größten Schläge gegen die sogenannte DZ Mafia.
Der Name „Octopus“ – also Oktopus – ist bewusst gewählt. Ermittler beschreiben das Netzwerk als kriminelle Organisation mit vielen Armen, die weit über Marseille hinausreichen. Drogengeschäfte, Auftragsmorde, Schutzgelderpressung und ein wachsender Einfluss auf illegale Märkte in ganz Frankreich. Wer versucht, dieses Geflecht zu zerschlagen, muss an mehreren Stellen gleichzeitig zugreifen.
Genau das geschah Anfang der Woche.
In einer koordinierten Aktion durchsuchten Ermittler Wohnungen, Gefängniszellen und Treffpunkte mutmaßlicher Mitglieder der Gruppe. Insgesamt 42 Personen wurden verhaftet und in Polizeigewahrsam genommen. Darunter befinden sich auch zentrale Figuren der Organisation – Männer, die bereits hinter Gittern sitzen und dennoch weiterhin eine entscheidende Rolle im Netzwerk spielen sollen.
Die Polizei richtet ihr Augenmerk vor allem auf drei Namen.
Gabriel O., in der Szene „Gaby“ genannt.
Mahdi Z., bekannt unter dem Spitznamen „La Brute“.
Und Amine O., der in Ermittlungsakten häufig als „Mamine“ auftaucht.
Diese drei Männer gelten als die Gründer der DZ Mafia, einer Gruppe, die ihren Ursprung im Viertel La Paternelle im Norden von Marseille hat. Obwohl sie derzeit in Hochsicherheitsgefängnissen einsitzen, sollen sie laut Ermittlern weiterhin kriminelle Aktivitäten organisiert und koordiniert haben.
Das allein klingt bereits wie Stoff für eine Fernsehserie.
Doch der eigentliche Auslöser für die jüngsten Festnahmen liegt in einem möglichen Fluchtplan.
Im Zentrum der Ermittlungen steht Gabriel O., der derzeit im Hochsicherheitsbereich der Haftanstalt Vendin-le-Vieil untergebracht ist. Dort bemerkten Ermittler ungewöhnliche Aktivitäten: nächtliche Telefonate, häufig und zu ungewöhnlichen Zeiten geführt.
Offiziell handelte es sich um ein Telefon, das für Gespräche mit seinem Anwalt registriert war.
Doch die Ermittler wurden misstrauisch.
Die Analyse der Telefonverbindungen ergab schließlich, dass die Gespräche über Umleitungen auf eine andere Leitung weitergeleitet wurden. Auf diese Weise konnte der Gefangene offenbar mit Vertrauten außerhalb des Gefängnisses kommunizieren.
Die Leitung wurde daraufhin abgehört.
Was die Ermittler dort hörten, löste Alarm aus. Es tauchten Hinweise auf ein mögliches Ausbruchsprojekt auf – nicht vollständig ausgearbeitet, aber offenbar ernsthaft diskutiert.
Eine Quelle aus dem Umfeld der Ermittlungen spricht von „beunruhigenden Elementen“, die zumindest auf den Versuch hindeuteten, eine Flucht vorzubereiten.
Die Behörden reagierten sofort.
Parallel zu den Festnahmen wurden auch Gefängnisse durchsucht. In sechs Zellen des Isolationsbereichs der Haftanstalt Aix-Luynes entdeckten Beamte insgesamt sechs Mobiltelefone – ein weiterer Beleg dafür, wie schwierig es selbst in Hochsicherheitsbereichen bleibt, illegale Kommunikation vollständig zu unterbinden.
Ganz ehrlich: Das klingt fast wie ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen Staat und organisiertem Verbrechen.
Der Zeitpunkt der Operation ist kein Zufall.
Bereits am 23. März sollen Gabriel O. und Amine O. vor dem Schwurgericht in Aix-en-Provence erscheinen. Ihnen wird ein Doppelmord aus dem Jahr 2019 zur Last gelegt – lange bevor die DZ Mafia landesweit Bekanntheit erlangte.
Die Ermittler wollten offenbar verhindern, dass mögliche Fluchtpläne den Prozess gefährden.
Doch die Operation zielt noch weiter.
Die DZ Mafia hat sich in den vergangenen Jahren zu einer der einflussreichsten kriminellen Organisationen Frankreichs entwickelt. Anders als klassische mafiöse Strukturen funktioniert das Netzwerk nicht streng hierarchisch. Experten sprechen eher von einer Art Hydra – einer Organisation mit mehreren Köpfen, die flexibel neue Mitglieder aufnimmt.
Rekrutiert wird teilweise sogar über soziale Netzwerke.
Dort erscheinen Anzeigen für unterschiedliche Rollen im Drogengeschäft: vom einfachen „Guetteur“, also dem Wachposten an einem Dealpoint, bis hin zu bewaffneten Auftragskillern.
Ein brutales Geschäftsmodell.
Und eines, das den Drogenhandel in Marseille maßgeblich prägt. Rivalisierende Gruppen liefern sich seit Jahren gewaltsame Auseinandersetzungen um lukrative Verkaufsgebiete. Immer wieder kommt es zu tödlichen Schießereien, die selbst abgebrühte Ermittler erschüttern.
Vor diesem Hintergrund erhält die Operation „Octopus“ eine besondere Bedeutung.
Sie soll nicht nur einzelne Täter festsetzen, sondern das gesamte Netzwerk destabilisieren. Ob das gelingt, bleibt allerdings offen. Kriminelle Strukturen wie die DZ Mafia zeigen sich oft erstaunlich widerstandsfähig.
Schlägt man einen Kopf ab, wachsen zwei neue nach.
Am Samstag will die Staatsanwaltschaft von Marseille auf einer Pressekonferenz weitere Details zu den Festnahmen und den laufenden Ermittlungen bekannt geben. Dann dürfte auch klarer werden, welche Rolle die einzelnen Verdächtigen im mutmaßlichen Fluchtplan gespielt haben.
Bis dahin bleibt die Operation ein spektakulärer Schlag – und ein weiteres Kapitel im langen Kampf gegen die organisierte Kriminalität in Südfrankreich.
Ein Kampf, der noch längst nicht vorbei ist.
Von C. Hatty