Die Vorstellung klingt fast märchenhaft:
Pariserinnen und Pariser, die sich an einem heißen Sommertag unbeschwert in der Seine abkühlen. Nach über einem Jahrhundert ist dieses Bild heute Wirklichkeit geworden. Seit dem 5. Juli 2025 darf offiziell im berühmten Fluss gebadet werden – eine Premiere seit 1923.
Doch was steckt hinter dieser historischen Wiedereröffnung? Und worauf sollten Besucher achten, bevor sie sich ins kühle Nass stürzen?
Drei Badestellen, drei neue Lieblingsplätze
Paris hat gleich drei Zonen für die Bevölkerung eingerichtet. Und jede hat ihren eigenen Charme.
Am Bras Marie, direkt gegenüber der Île Saint-Louis, tummeln sich maximal 150 Badegäste gleichzeitig. Unter der Woche öffnet die Badestelle um 8 Uhr, schließt jedoch bereits um 11:30 Uhr – ideal für Frühaufsteher. Sonntags bleibt sie bis 17:30 Uhr geöffnet.
Etwas weiter flussabwärts liegt der Bras de Grenelle im 15. Arrondissement. Hier darf von Montag bis Freitag von 10 Uhr bis 17:30 Uhr geplanscht werden, samstags schließt der Bereich um 16:45 Uhr. An Sonntagen gelten drei separate Zeitfenster. Bis zu 200 Menschen können gleichzeitig ins Wasser springen.
Die größte Fläche bietet Bercy im 12. Arrondissement nahe der Bibliothèque François-Mitterrand. Hier genießen bis zu 700 Menschen den Sommer – allerdings sind nur 300 von ihnen tatsächlich im Badebereich im Wasser erlaubt. Geöffnet ist täglich von 11 bis 21 Uhr.
Die Wasserqualität – täglich geprüft, ständig überwacht
Natürlich wirft diese neue Freiheit auch Fragen auf: Wie sauber ist das Wasser wirklich?
Die Stadt lässt es täglich testen. Drei Flaggen zeigen an, ob der Sprung ins kühle Nass erlaubt ist: Grün bedeutet „Alles klar“, Gelb warnt vor eingeschränkter Qualität, Rot verbietet das Baden komplett. Gerade nach starken Regenfällen kann die Badestelle kurzfristig gesperrt werden. Denn das Pariser Abwassersystem stößt bei Starkregen an seine Grenzen – dann landet ein Teil der ungereinigten Wassermassen in der Seine.
Für maximale Sicherheit, Hygiene und Bequemlichkeit sind alle drei Zonen mit Rettungsschwimmern, Duschen, Umkleiden und Einstiegspontons ausgestattet. Wer hier schwimmen möchte, muss zuvor seine Schwimmfähigkeit von einem Bademeister kontrollieren lassen.
Baden für alle – nur fast
Doch nicht jeder darf einfach so in die Seine springen.
Am Bras Marie und am Bras de Grenelle liegt das Mindestalter bei 14 Jahren. In Bercy dürfen Kinder bereits ab 10 Jahren mit ins Wasser. Badehose oder Badeanzug sind Pflicht. Für Menschen mit eingeschränkter Mobilität sind alle Standorte zugänglich – nur in Bercy ist die Wasserzone ausgenommen, hier bleibt der barrierefreie Zugang auf das Solarium beschränkt.
Ein Mammutprojekt für eine saubere Seine
Die Freigabe der Badestellen ist kein spontanes Sommermärchen. Sie ist das Ergebnis eines jahrzehntelang verfolgten Traums – und eines ambitionierten Investments von 1,4 Milliarden Euro.
Anlässlich der Olympischen Spiele 2024 beschloss die Stadt, die Wasserqualität auf ein Niveau zu heben, das Badetauglichkeit garantiert. Neue Abwasserbecken wie das gigantische Bassin d’Austerlitz wurden gebaut. Es speichert bis zu 50.000 Kubikmeter Regenwasser und verhindert so, dass Abwässer bei Starkregen ungefiltert in die Seine fließen.
Doch auch wenn die Olympischen Spiele schon fast ein Jahr vorbei sind, bleibt ihr Vermächtnis bestehen: saubereres Wasser und mehr Lebensqualität mitten im Herzen der Hauptstadt.
Die Seine als Symbol für Klimaanpassung
Mit der Öffnung der Badestellen setzt Paris ein starkes Zeichen.
In Zeiten steigender Temperaturen schafft die Stadt kostenlose Erfrischungsmöglichkeiten und holt die Seine als Lebensraum zurück in den Alltag der Menschen. Die Maßnahme zeigt, dass Anpassung an den Klimawandel mehr ist als Verzicht und Vorsorge – sie kann das Leben auch bereichern.
Aber – ist es nicht gerade diese Mischung aus Pragmatismus und Vision, die Paris so besonders macht?
Die Stadtverwaltung mahnt dennoch zur Vorsicht. Gerade bei wechselhaftem Wetter können kurzfristige Sperrungen notwendig werden. Sicherheit und Gesundheit stehen immer an erster Stelle.
Doch für diesen Sommer gilt: Einfach Handtuch einpacken, Badehose anziehen und eintauchen in ein Stück Pariser Geschichte, das sich endlich wiederholen darf.
Autor: Andreas M. Brucker