Alle Artikel · 10.07.2025 09:59
PFAS-Skandal in den Ardennen: Wenn Leitungswasser giftig wird
Ein Glas Wasser aus dem Hahn – für viele eine Selbstverständlichkeit. Doch in zwölf Gemeinden der französischen Ardennen ist genau das ab sofort verboten. Seit Donnerstag gilt dort ein offizielles Trinkverbot für Leitungswasser. Der...
Ein Glas Wasser aus dem Hahn – für viele eine Selbstverständlichkeit.
Doch in zwölf Gemeinden der französischen Ardennen ist genau das ab sofort verboten.
Seit Donnerstag gilt dort ein offizielles Trinkverbot für Leitungswasser. Der Grund: PFAS. Diese sogenannten „ewigen Chemikalien“ haben die zulässigen Grenzwerte dramatisch überschritten.
Wie dramatisch?
In Villy, einem kleinen Dorf mit knapp 200 Einwohnern, wurden im Februar ganze 2.729 Nanogramm pro Liter gemessen. Erlaubt wären 100 ng/l.
Das ist nicht nur eine kleine Überschreitung. Es ist der nationale Rekord.
Die unsichtbare Gefahr im Trinkglas
PFAS – Per- und Polyfluoralkylsubstanzen – klingen kompliziert, sind aber längst Teil unseres Alltags: Sie stecken in beschichteten Pfannen, Outdoorjacken, Verpackungen. Doch im Körper richten sie Schaden an. Erhöhtes Cholesterin, Krebserkrankungen, Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit oder die Entwicklung von Föten – die Liste der möglichen Folgen liest sich wie ein medizinischer Albtraum.
Eine investigative Recherche von France 3 und Disclose deckte auf: In 17 Gemeinden der Meuse und der Ardennen lagen die Werte 3- bis 27-mal über dem gesetzlichen Limit.
Zwei Liter pro Tag – auf Staatskosten?
Solange das Wasser nicht trinkbar ist, müssen die betroffenen Gemeinden jeden Einwohner mit zwei Litern Trinkwasser täglich versorgen.
Klingt nach einer großzügigen Geste des Staates? Weit gefehlt.
Die Realität: Die meisten Kommunen erstatten einfach den Kauf von Wasserflaschen. Für Villy bedeutet das Kosten von rund 9.000 Euro – bei gerade mal 200 Einwohnern. Auf sechs Monate gerechnet sind das 43,20 Euro pro Kopf.
Für ein Grundbedürfnis.
Filter, Verbindungen, Verdünnung: Teure Lösungen
Frédéric Latour, Bürgermeister von Haraucourt und Präsident der lokalen Gebietsgemeinschaft, wirkt ernüchtert. Er rechnet mit mehreren Hunderttausend Euro, um das Wasser wieder sauber zu bekommen.
„Es gibt verschiedene Möglichkeiten“, erklärt er. „Filtration über Aktivkohle, die Verbindung mit einem anderen Wassernetz oder eine Verdünnungslösung.“
Doch allein die Studien für diese Maßnahmen – die dauern mindestens ein halbes Jahr.
„Das ist kein Skandal, das ist ein Verbrechen“
Richard Philbiche, Bürgermeister von Villy, spricht Klartext: „Das ist mehr als eine Gesundheitskrise. Es ist kein Skandal, das ist ein Verbrechen.“
Die Ursache? Vermutlich liegt sie in der Landwirtschaft. Genauer gesagt im Ausbringen von Papierresten und Klärschlämmen auf Feldern. Diese könnten mit PFAS belastet gewesen sein. Besonders die Papierfabrik in Stenay (Meuse), die 2024 geschlossen wurde, steht im Verdacht.
Philbiche ist fassungslos: „Es gab klare Auflagen. Doch sie wurden nicht eingehalten. Das Zeug wurde sogar illegal vergraben. Das ist Betrug.“
Die Kleinen zahlen die Zeche
Für Bürgermeisterin Annick Dufils aus Malandry ist es ein Musterbeispiel politischer Verantwortungslosigkeit. „Wir kleinen Dörfer sind nicht schuld. Aber jetzt sollen wir alles alleine stemmen. Der Staat wälzt das Problem einfach auf uns ab.“
Die Präfektur der Ardennen sieht das anders. Sie betont, die Wasserversorgung sei Sache der Kommunen. Staatliche Zuschüsse für Trinkwasser gebe es nicht. Immerhin soll im Herbst ein Monitoring-Komitee für PFAS ins Leben gerufen werden.
Wer hätte vor wenigen Jahren angenommen, dass sauberes Leitungswasser im 21. Jahrhundert ein Luxus sein könnte?
Artikel von: Daniel Ivers