Pizzaofen, Teigschaufel, frischer Basilikumduft – und mittendrin ein Netzwerk internationaler Kriminalität.
In der Haute-Savoie, unweit der Schweizer Grenze, hat eine internationale Großrazzia kürzlich das wahre Gesicht zweier beliebter Pizzerien entlarvt: Sie waren nichts anderes als Fassaden für das Geldwäschegeschäft der gefürchteten kalabrischen Mafia, der ‘Ndrangheta.
Drei Jahre Undercover-Arbeit
Über drei Jahre lang arbeiteten Ermittler aus Frankreich, Italien, der Schweiz, Deutschland und Interpol Seite an Seite, um das Netz zu durchleuchten. Mehr als 150 Ermittler waren beteiligt. Am 13. Mai klickten schließlich die Handschellen: 15 Personen wurden festgenommen, darunter fünf Mitglieder einer Familie aus Kalabrien.
Der Vorwurf: Sie sollen über die beiden Pizzerien in Scientrier und Saint-Julien-en-Genevois in nur zwei Jahren mehrere Millionen Euro gewaschen haben.
Pizzerien wie jede andere – oder doch nicht?
„Calabria Mia“ und „I Tre Sapori“ – Namen, die Gemütlichkeit, Heimatgefühl und mediterranen Genuss versprechen. Tatsächlich waren die Lokale bei der Bevölkerung beliebt und für ihre original italienische Küche bekannt.
Doch etwas stimmte nicht.
Die Umsätze sprengten jede logische Grenze. Kaum Gäste, kaum gefüllte Tische, aber riesige Einnahmen in der Buchhaltung. Hinzu kamen ständig wechselnde Mitarbeiter, die oft kein Wort Französisch verstanden.
Und wenn eine Pizzeria mehr Umsatz macht als die meistbesuchte Brasserie der Nachbarschaft, dann schrillen irgendwann die Alarmglocken.
Der lange Arm der kalabrischen Mafia
Hinter den Restaurants standen Antonio und Bartolo B., zwei klangvolle Namen in Mafia-Kreisen. Bartolo B. gilt als Kopf der sogenannten „afrikanischen Filiale“ der ‘Ndrangheta. Erst 2023 wurde er im Libanon verhaftet, nachdem in der Côte d’Ivoire – wo er ebenfalls Pizzerien betrieb – ganze 2,7 Tonnen Kokain beschlagnahmt wurden.
Pizza und Drogen – eine tödliche Kombination, wenn sie unter dem Mantel von Alltag und Gastronomie verschwindet.
Ein kleiner Ort, große Fassungslosigkeit
Für Véronique Lecauchois, Bürgermeisterin von Saint-Julien-en-Genevois, kam die Dimension des Skandals überraschend. Zwar hatte sie sich schon gewundert, warum man so oft auf Barzahlung bestand und warum das Personal so häufig wechselte, aber eine internationale Mafia-Operation – damit rechnet man auch als erfahrene Kommunalpolitikerin nicht jeden Tag.
Warum ausgerechnet Pizzerien?
Eine Frage drängt sich auf: Warum wählt die Mafia keine Clubs oder Casinos, sondern schnöde kleine Pizzerien?
Die Antwort ist so simpel wie teuflisch genial. Eine Pizzeria ist unauffällig, sie wechselt häufig ihr Personal, kann leicht hohe Bargeldumsätze erklären – und wer fragt schon nach, wenn der Chef ein Cousin aus Kalabrien ist? Pizza schafft Vertrauen. Niemand rechnet bei einem Teller Penne Arrabiata mit einer millionenschweren Geldwaschanlage.
Interpol warnt vor leisen Strukturen
Interpols Ermittler sehen die ‘Ndrangheta inzwischen als weltweit mächtigste Mafiaorganisation. Ihr Vorteil: absolute Unauffälligkeit. Anders als die sizilianische Cosa Nostra oder die neapolitanische Camorra prahlt die kalabrische Mafia nicht mit teuren Autos oder protzigen Villen. Sie tarnt sich lieber mit einem dampfenden Pizzakarton, Espresso und freundlichem Service.
So sickert sie unbemerkt in Gemeinden, Länder, Kontinente.
Was bleibt?
Die Pizzerien sind geschlossen, die Verdächtigen in Haft, das Verfahren läuft. Doch ein fahler Beigeschmack bleibt: Wer weiß schon, in welchem unscheinbaren Laden an der Ecke gerade wieder Millionen gewaschen werden?
Vielleicht liegt genau darin die größte Gefahr.
Autor: C.H.