Am 2. Juli 2025 trafen sich in Bagneux (Hauts-de-Seine) zentrale Figuren der französischen Linken, um eine historische Vereinbarung zu schliessen: Olivier Faure (Parti socialiste), Marine Tondelier (Les Écologistes), François Ruffin (Debout !), Clémentine Autain (L'Après) und Lucie Castets beschlossen, einen gemeinsamen Kandidaten für die Präsidentschaftswahl 2027 aufzustellen. Bemerkenswert ist, wer fehlte: La France insoumise (LFI) von Jean-Luc Mélenchon, le Parti communiste français (PCF) und Place publique von Raphaël Glucksmann waren nicht beteiligt.
Ein neuer Anlauf für die zersplitterte Linke
Die Teilnehmer sprachen von einem "Moment historique" und verpflichteten sich, bis Ende 2025 Modalitäten zur Kandidatenkür zu definieren. Zwischen Mai und Oktober 2026 soll der gemeinsame Bewerber nominiert werden. Lucie Castets betonte, dass es nun darum gehe, „eine Alternative für das Land“ zu schaffen, während Marine Tondelier eine Primärwahl als „starke Option“ bezeichnete. François Ruffin und Clémentine Autain signalisierten bereits ihre Bereitschaft, in einer solchen Primärwahl anzutreten.
Damit versucht die französische Linke, die nach gescheiterten Einigungsversuchen mit der LFI innerlich zerrissen ist, einen organisatorischen Neustart.
Programmatische Konventionen und die Suche nach Inhalt
Geplant sind sechs Konventionen zu Schlüsselthemen, an denen neben Parteien auch Experten, Bürger und Vertreter der Zivilgesellschaft mitwirken sollen. Ziel ist ein gemeinsames Programm, das Elemente des Nouveau Front populaire und der Parteien integriert.
Diese programmatische Arbeit ist notwendig, um bestehende Spannungen zu überwinden. Denn während Olivier Faure betont, dass die Sozialisten sich auf eine Vorwahl nur nach Rücksprache mit ihren Mitgliedern einlassen werden, verfolgt Raphaël Glucksmann weiterhin eigene Ambitionen und die LFI lehnt ein Vorwahl-Modell kategorisch ab.
Die schwierige Rolle von LFI und Glucksmann
Jean-Luc Mélenchon, der 2022 nur knapp den zweiten Wahlgang verpasste, lehnt eine Vorwahl ab und betrachtet sich weiterhin als Führungsfigur der Linken. Seine Abwesenheit bei dem gestrigen Treffen unterstreicht jedoch die wachsende Distanz zu ehemaligen Verbündeten. Place publique wiederum fokussiert sich laut Glucksmann auf den Ausbau eigener Strukturen und will sich erst 2026 positionieren.
Damit bleibt die Frage offen, wie stark ein linker Kandidat ohne Unterstützung von LFI und Place publique wäre. 2022 hatte Mélenchon trotz erheblicher Widerstände 22 % der Wählerstimmen erzielt. Eine Kandidatur ohne LFI könnte eine Spaltung manifestieren, die Rechtsnationalen und Republikanern nützen dürfte.
Zwischen Pragmatismus und strategischer Unsicherheit
Die Absprachen von Bagneux sind ein Signal des Pragmatismus. Doch die innere Zerrissenheit der Linken, die ungeklärte Rolle der LFI sowie die wachsende Popularität der extremen Rechten unter Marine Le Pen und Jordan Bardella stellen diese Allianz vor eine große Bewährungsprobe. Ohne glaubwürdige programmatische Grundlagen und breite Unterstützung könnte der Einigungsversuch letztlich nur ein weiteres Kapitel im fortgesetzten Niedergang der französischen Linken markieren.
Die kommenden Monate werden zeigen, ob dieser "Serment de Bagneux" mehr ist als ein symbolischer Schulterschluss. Denn am Ende entscheidet nicht nur der Kandidat, sondern vor allem die Fähigkeit der Linken, Vertrauen zurückzugewinnen und eine gesellschaftliche Perspektive zu bieten, die über defensive Einheitsappelle hinausgeht.
Autor: Andreas M. Brucker