Alle Artikel

Radikale Eskalation in Calais: Rechtsextreme britische Hetzer stören Hilfsaktion für Geflüchtete

Was am 4. Juni in Calais geschah, war mehr als nur ein Zwischenfall – es war ein Alarmsignal. Während Freiwillige damit beschäftigt waren, Geflüchteten kostenlose SIM-Karten zu übergeben, tauchten britische Rechtsextremisten auf, provozierten, beleidigten und bedrohten. Die Lage in der französischen Hafenstadt, ohnehin angespannt durch die Debatte um Migration und Sicherheit, gerät nun vollends aus…

Illustration Nachrichten.fr
KI-Illustration

Was am 4. Juni in Calais geschah, war mehr als nur ein Zwischenfall – es war ein Alarmsignal. Während Freiwillige damit beschäftigt waren, Geflüchteten kostenlose SIM-Karten zu übergeben, tauchten britische Rechtsextremisten auf, provozierten, beleidigten und bedrohten. Die Lage in der französischen Hafenstadt, ohnehin angespannt durch die Debatte um Migration und Sicherheit, gerät nun vollends aus dem Gleichgewicht.

Extremisten im Rampenlicht

Die Rädelsführer? Aktivisten aus Großbritannien, die mit dem Homeland Party-Netzwerk in Verbindung stehen – einer Gruppierung, die ethnischen Nationalismus propagiert und vehement gegen Einwanderung und Vielfalt wettert. Ihr Ziel ist klar: Einschüchterung. Und zwar nicht nur gegenüber Geflüchteten, sondern auch gegenüber denjenigen, die sich für Menschlichkeit einsetzen.

Schon 2016 war ähnliches zu beobachten, als militante Gruppen im sogenannten „Jungle“ in Calais gewaltsam gegen Migranten vorgingen. Damals wie heute gibt es Hinweise, dass staatliche Stellen – zumindest passiv – wegsehen. Im Februar dieses Jahres attackierten sechs Extremisten eine Hilfsorganisation in Paris. Ein Zufall? Wohl kaum.

Freiwillige zwischen Bedrohung und Beharrlichkeit

In Calais ist die Hilfe für Schutzsuchende längst kein reiner Akt der Nächstenliebe mehr – sie ist zur Mutprobe geworden. Freiwillige von Organisationen wie Care4Calais berichten von täglichen Schikanen, von Übergriffen, von dem Gefühl, auf verlorenem Posten zu stehen. Und das nicht nur wegen der Rechtsextremen.

Im August 2024 ließ Bürgermeisterin Natacha Bouchart riesige Felsbrocken aufstellen – nicht zur Dekoration, sondern um Hilfslieferungen zu verhindern. Doch die Ehrenamtlichen lassen sich nicht beirren. Auf Facebook schreibt Care4Calais trotzig: „Wenn ihr glaubt, uns mit euren Parolen einschüchtern zu können – dann kennt ihr uns schlecht.“

Leben zwischen Gewalt, Zäunen und Hoffnung

Calais ist längst zur symbolträchtigen Endstation vieler Fluchtgeschichten geworden. Am Ärmelkanal, der Grenze zur britischen Insel spitzt sich das Drama seit Jahren zu. Die Migranten leben in Zelten, unter Brücken, auf Brachflächen – ohne sanitäre Versorgung, ohne Sicherheit, ständig in Angst vor Polizeiräumungen.

Und immer wieder gibt es Tote. 77 Menschen verloren allein 2024 ihr Leben beim Versuch, über den Ärmelkanal zu gelangen – ein trauriger Rekord. Gleichzeitig stieg die Zahl der Überfahrten auf knapp 37.000. Trotz Millionen-Investitionen in Grenzsicherung.

Wann kommt die politische Kehrtwende?

Immer mehr Politiker aus Nordfrankreich stellen die Sinnhaftigkeit der bestehenden Regelungen infrage. Vor allem die Abkommen von Touquet aus dem Jahr 2003, die Frankreich de facto zur Außengrenze Großbritanniens machen, stoßen auf Kritik. Warum, so fragen sie, soll Frankreich allein für eine britische Grenzpolitik bluten?

Auch internationale Organisationen wie Amnesty International fordern einen Kurswechsel – nicht irgendwann, sondern jetzt. Die Entrechtung von Geflüchteten und Freiwilligen sei mit europäischen Grundwerten unvereinbar.

Was tun gegen den Hass?

Die Eskalation vom 4. Juni zeigt: Das Problem ist größer als ein paar grölende Randalierer. Es geht um die Frage, welchen Stellenwert Menschenrechte in Europa wirklich noch haben. Es geht um Solidarität – nicht nur in Sonntagsreden, sondern im Alltag.

Vielleicht ist es an der Zeit, das Narrativ zu ändern. Nicht mehr über „illegale Einwanderer“ zu sprechen, sondern über Menschen, die nichts weiter suchen als ein sicheres Leben. Und über andere Menschen, die ihnen dabei helfen wollen.

Denn am Ende bleibt die Frage: Wollen wir wirklich eine Gesellschaft, in der Nächstenliebe unter Polizeischutz stehen muss?

Von Andreas M. Brucker

Ende des Artikels