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Rätselhafte Krankheitswelle im Süden Frankreichs – wenn ein ganzes Collège plötzlich lahmgelegt wird

Der Junge steht noch etwas wacklig auf den Beinen, als er den Satz sagt, der seit Tagen durch das Dorf geistert: „Alles, was ich gegessen habe, kam sofort wieder hoch.“ Ein Satz, der in seiner Schlichtheit die Hilflosigkeit eines ganzen Landstrichs einfängt.Im Collège Jules-Verne im kleinen Ort Le Soler, wenige Kilometer vor den Toren Perpignans,…

Der Junge steht noch etwas wacklig auf den Beinen, als er den Satz sagt, der seit Tagen durch das Dorf geistert: „Alles, was ich gegessen habe, kam sofort wieder hoch.“ Ein Satz, der in seiner Schlichtheit die Hilflosigkeit eines ganzen Landstrichs einfängt.
Im Collège Jules-Verne im kleinen Ort Le Soler, wenige Kilometer vor den Toren Perpignans, hat eine mysteriöse Krankheitswelle fast 400 Schülerinnen und Schüler und mittlerweile auch viele ihrer Eltern erwischt. Binnen Stunden kippte der Schulalltag – wie eine Bilderbuchkulisse, in der jemand plötzlich das Licht ausknipst.

Am Freitagmorgen ging alles los. Erst ein paar Kinder, die über Kopfschmerzen klagten. Dann welche, die die Hand vor den Mund hielten, Richtung Toiletten rannten, bleich im Gesicht. Zehn Fälle wurden es, dann zwanzig, dann… irgendwann hörte man auf zu zählen, weil sich der Strom der Erkrankten zu einer Art Welle formte, die von Klassenzimmer zu Klassenzimmer rollte. Es war dieser Moment, an dem die Schulleitung merkte, dass hier nichts mehr normal war – und das Gebäude räumen ließ. Die Ärzteschaft der Region wurde verständigt, die lokale Gesundheitsbehörde ARS schaltete sich ein, die Feuerwehr stand bereit, als hätte man es mit einem Chemieunfall zu tun.

Im Krankenhaus von Perpignan füllten sich derweil die Notaufnahmen. Fünfzig Kinder an einem Abend – das ist eine Zahl, die man sonst nur von Katastrophen kennt, nicht aus einem einzelnen Collège. Dreizehn Kinder mussten stationär aufgenommen werden, meist zur Rehydrierung. Zum Glück konnten sie am Sonntag wieder entlassen werden, doch der Schreck saß ihnen wie ein unsichtbarer Schal im Nacken. Und mit jedem weiteren Fall stieg das Misstrauen, das in kleinen Gemeinden so schnell die Runde macht wie im Sommer der Mistralwind: Was steckt dahinter?

Am Anfang dachte man an eine typische Wintergastro, eine dieser lästigen Viren, die im Dezember auftauchen wie ungeladene Gäste auf einer Familienfeier. Doch bald stellte sich heraus, dass etwas anders war als sonst. Denn ab Sonntag meldeten sich zunehmend auch Erwachsene – Eltern, die plötzlich dieselben Symptome zeigten wie ihre Kinder. Bauchkrämpfe. Übelkeit. Erbrechen. Kopfschmerzen, als hätte man eine Glocke über dem Kopf hängen. Über fünfzig Familien meldeten ähnliche Beschwerden. Es war, als breite sich die Krankheitswelle über das Schulgelände hinaus in die Wohnzimmer der Gemeinde.

Die lokale Gesundheitsbehörde ARS schloss früh eine Verunreinigung des Trinkwassers aus. Mehrere Proben, sowohl auf dem Schulgelände als auch im Umfeld, wurden analysiert – ohne Befund. Man prüfte, man roch, man ließ Geräte summen. Nichts. Die Werte waren so sauber wie eine Laborbroschüre. Also blieb die virale Spur im Fokus: mögliche Noroviren, mögliche Rotaviren – die üblichen Verdächtigen der kalten Jahreszeit. Doch solange die Laborergebnisse fehlen, bleibt alles Spekulation. Und Spekulation ist der Stoff, aus dem sich in Gemeinden wie Le Soler sehr schnell Gerüchte weben.

Währenddessen rückte noch eine andere Möglichkeit in den Fokus: die Mensa. Die sogenannten „repas témoins“ – die im Kühlschrank aufbewahrten Kontrollportionen der Schulmahlzeiten – wurden beschlagnahmt, um sie im Labor zu testen. Donnerstag und Freitag waren die entscheidenden Tage. Was stand auf dem Speiseplan? Wurde etwas falsch gelagert? Wurde ein Kühlkreislauf unterbrochen? Die DDPP, eine Art französisches Pendant zur Lebensmittelaufsicht, beteiligte sich an der Untersuchung. Man kennt diese Szenarien aus früheren Fällen, in denen letztlich eine einzige unscheinbare Zutat die Quelle war. Doch auch hier gilt: noch keine Antwort.

Am Montagmorgen öffnete das Collège Jules-Verne erneut – zumindest auf dem Papier. Auf dem Hof herrschte gähnende Leere, die Pausenaufsicht hätte problemlos ein Buch lesen können. Von den rund 630 Schülerinnen und Schülern kamen kaum fünfzig. Manche Eltern wollten kein Risiko eingehen, andere hatten selbst noch Symptome, wieder andere waren schlicht verunsichert. Die Luft im Schulgebäude wirkte gereinigt, desinfiziert, aber dennoch schwer – als wären die Ereignisse vom Freitag noch in den Wänden eingelagert.

Eine Schülerin fasst ihre Gefühle in einem halbsäuerlichen Satz zusammen: „Es weiß ja niemand wirklich, woher das kommt.“ Dieses „niemand“ hängt wie ein Echo über der Ortschaft. Der Bürgermeister ließ eine Krisenzelle einrichten. Polizei, Gendarmerie, Gesundheitsbehörden – alle an einem Tisch. Man kennt solche Bilder eher aus industriellen Krisen, nicht aus einem Schulalltag im französischen Süden.

Dabei ist die Region nicht völlig unerfahren mit solchen Krankheitsausbrüchen. Immer wieder kam es in den vergangenen Jahren zu kleineren, manchmal auch diffusen Fällen von massiven Magen-Darm-Infekten. Oft blieb die Ursache unklar. Manchmal war es ein Virus, manchmal ein Lebensmittel, manchmal schlicht Pech, das sich statistisch unsichtbar im Alltag versteckt hatte. Doch eine derartige Häufung wie in Le Soler – an nur zwei Tagen – ist außergewöhnlich. Und außergewöhnliche Fälle rufen sofort ein Bedürfnis nach Klarheit hervor.

Derweil raten Ärztinnen und Ärzte zur Gelassenheit, soweit das in einer solchen Stimmung überhaupt möglich ist. Hände waschen. Abstand halten. Bei Symptomen zu Hause bleiben. Die üblichen Ratschläge, die jeder schon tausendmal gehört hat. Und trotzdem: Wenn ein Drittel eines ganzen Ortes plötzlich flachliegt, wirkt selbst der banalste Ratschlag wie ein Strohhalm.

Bis die Laborergebnisse eintreffen, bleibt alles offen – wie ein Krimi, der im entscheidenden Kapitel aufhört. Die Menschen von Le Soler warten. Sie wollen wissen, was ihre Kinder krank gemacht hat. Sie wollen Antworten statt Hypothesen. Und sie wollen ihr normales Leben zurück, mit Hausaufgaben, Kantinenlärm, kleinen Pausenstreitigkeiten und dem ganz gewöhnlichen Chaos eines Collège-Morgens.

Eines steht fest: Diese Episode hat den Ort zusammengeschweißt. Und gleichzeitig gezeigt, wie verletzlich ein Schulsystem sein kann, wenn ein unsichtbarer Gegner durch die Flure zieht.

Autor: Daniel Ivers

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