Die Worte brannten sich ins Gedächtnis wie Brandflecken auf weißer Weihnachtspracht: „Papa Noël, remigre moi ces violeurs étrangers.“ Zu Deutsch: „Weihnachtsmann, schick mir diese ausländischen Vergewaltiger zurück.“ Ein Banner, aufgehängt am 3. Dezember mitten auf dem festlich erleuchteten Place Kléber in Strasbourg, während rundherum Kinderlachen, Glühweinduft und Weihnachtslieder die Luft erfüllten.
Was als familiäres Vorweihnachtsidyll begann, endete an diesem Abend mit einer Demonstration der ganz anderen Art – und einem schalen Beigeschmack, der weit über die Grenzen des Elsass hinaus wirkt.
Die Aktion stammt vom „Collectif Némésis“, einem radikalen identitären Frauenkollektiv aus Paris, das bereits in der Vergangenheit mit provokanten, rassistisch aufgeladenen Auftritten Schlagzeilen machte. In diesem Fall kletterten zwei Aktivistinnen auf ein Wohnhaus, platzierten das Banner in Sichtweite des Marktes – und verschwanden nach wenigen Minuten. Die Polizei entfernte das Plakat schnell, die Frauen wurden kurzzeitig festgehalten, aber nicht verhaftet.
Doch das Bild ging längst viral.
Weihnachten als politische Bühne
Es war kein Zufall, dass sich die Aktivistinnen den Christkindelsmärik ausgesucht hatten – einer der ältesten und renommiertesten Weihnachtsmärkte Europas. Jährlich strömen Millionen Besucher:innen durch die engen Gassen der Altstadt, entlang der festlich geschmückten Buden. Hier, wo Strasbourg sich in ein glitzerndes Winterwunderland verwandelt, wollte das Kollektiv nicht nur provozieren – es wollte maximal sichtbar sein.
Der Angriff auf das Herz der Stadt war auch ein Angriff auf die Idee eines friedlichen, offenen Miteinanders. Auf dem Banner stand nicht nur eine statistisch nicht belegte Behauptung über angebliche Sexualdelikte durch Migranten, sondern auch eine gezielte Aufforderung zur „Remigration“ – ein Codewort aus dem rechtsextremen Vokabular, das letztlich Deportation meint.
Der Weihnachtsmann als Symbol kindlicher Wünsche wurde zur grotesken Projektionsfläche für rassistische Forderungen gemacht.
Politik reagiert – aber reicht das?
Strasbourgs Bürgermeisterin Jeanne Barseghian reagierte umgehend. In einem Beitrag auf Facebook verurteilte sie die Aktion scharf. Sie sprach von einem „rassistischen Botschaft“ und warf den Aktivistinnen vor, den legitimen Kampf gegen sexualisierte Gewalt für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.
Auch die grüne Abgeordnete Sandra Regol kündigte an, juristische Schritte einzuleiten. Sie sprach von „Anstiftung zu Hass und Diskriminierung“ – einem Delikt, das in Frankreich strafrechtlich verfolgt wird. Weitere politische Stimmen folgten, darunter der Bürgermeisterkandidat Florian Kobryn, der betonte: „Unsere Stadt wird niemals eine Bühne für rassistisches Gedankengut sein.“
Klingt entschieden. Aber die Frage bleibt: Reicht das?
Die stillen Zuschauer
Viele Passant:innen vor Ort hätten zunächst gar nicht realisiert, worum es ging. Die festliche Atmosphäre, das bunte Treiben – all das schien die Drastik der Botschaft zu überdecken. Erst in sozialen Netzwerken entfaltete das Bild seine volle Wirkung.
Das ist bezeichnend für die Taktik solcher Gruppen: kurzzeitig auftauchen, maximale Sichtbarkeit erzeugen, verschwinden – und die öffentliche Debatte übernehmen. Dabei zählen nicht nur die Worte, sondern der Ort, der Zeitpunkt, die Inszenierung.
Was bleibt, ist das Echo.
Strasbourg – mehr als nur Kulisse
Dass ausgerechnet Strasbourg Ziel dieser Aktion wurde, ist symbolträchtig. Die Stadt, historisch geprägt von deutsch-französischer Geschichte, multikulturell, europäisch orientiert, war stets auch ein Ort politischer Bedeutung.
Der Weihnachtsmarkt dort ist nicht bloß ein Event. Er ist ein kulturelles Statement. Er steht für Offenheit, Tradition und die Fähigkeit einer Stadt, über Grenzen hinweg zu verbinden. Dass genau dieser Ort nun gekapert wurde – zumindest für einen Moment – zeigt, wie fragil das öffentliche Miteinander geworden ist.
Und wie gezielt rechte Gruppen versuchen, selbst die friedlichsten Räume zu unterwandern.
Was nun?
Klar ist: Der Rechtsstaat muss reagieren. Aber die entscheidende Antwort liegt nicht nur bei Polizei und Justiz, sondern auch im gesellschaftlichen Klima. Es braucht Widerspruch – nicht nur im Netz, sondern auch auf der Straße, im Alltag, auf Weihnachtsmärkten.
Denn wenn ausgerechnet der Weihnachtsmann für rassistische Fantasien missbraucht wird, dann sollten wir uns fragen: Wer antwortet?
Vielleicht mit einer anderen Art Wunschzettel.
Autor: Andreas M. Brucker