Manele Labidi meldet sich mit ihrem zweiten Film zurück – und das mit einer gehörigen Portion Fantasie. Nach ihrer scharfzüngigen Komödie Un divan à Tunis widmet sich die franko-tunesische Regisseurin erneut dem Thema Identität, diesmal aus der Perspektive einer Einwandererfamilie in Frankreich. Mit Camélia Jordana in einer brillanten Hauptrolle, Damien Bonnard als skurrilem Charles Martel und Sofiane Zermani als geduldigem Familienvater entfaltet sich Reine mère als humorvoller, aber tiefgründiger Blick auf das Leben zwischen zwei Welten.
Von der Sonne Tunesiens in den französischen Alltag
Der Film beginnt mit einer traumhaften Szene: ein Bad im glitzernden Mittelmeer, eine heitere Urlaubsszenerie, die an Heimat erinnert. Doch die Realität holt Amel (Camélia Jordana) und ihren Mann Amor (Sofiane Zermani) schnell ein, als sie aus dem Urlaub zurückkehren. Eine Kündigung flattert ins Haus – sie müssen ihre Wohnung verlassen. Für Amel, die ihre beiden Töchter in einer katholischen Privatschule im Viertel belassen will, ist ein Umzug keine Option.
Während Amor als Elektriker schuftet, um die Familie über Wasser zu halten, weigert sich Amel, irgendeinen Job anzunehmen. Putzkraft? Unvorstellbar! Schließlich stammt sie aus einer wohlhabenden Familie in Tunis – zumindest erzählt sie das unermüdlich. Zwischen Stolz und Realitätsverweigerung steckt sie fest, während ihre ältere Tochter Mouna (Rim Monfort) in der Schule eine unheimliche Begegnung macht: Der Geist von Charles Martel (Damien Bonnard) taucht vor ihr auf.
Ein Geist, der Geschichte neu erzählt
Was passiert in den Köpfen junger Menschen mit Migrationshintergrund, wenn sie in der Schule von Charles Martel hören – dem Mann, der die Araber 732 bei Poitiers „gestoppt“ haben soll? Diese Frage stellt Reine mère auf clevere und verspielte Weise. Mouna, die sich mit ihrer Identität auseinandersetzt, macht aus dem historischen Geist kurzerhand einen imaginären Freund.
Labidi nutzt diesen erzählerischen Kniff, um Geschichte zu entmystifizieren – mit viel Humor, aber auch einer Prise Bitterkeit. Denn Reine mère zeigt, wie sich Kinder von Einwanderern oft mit unterschwelligen Botschaften konfrontiert sehen, die ihnen klarmachen, dass sie nicht „dazugehören“.
Zwischen Tragik und Komik – ein Familienporträt mit Biss
Amels Weigerung zu arbeiten, ihr unerschütterlicher Stolz und ihr Wunsch, eine bessere Zukunft für ihre Kinder zu schaffen, machen sie zur schillernden, aber auch anstrengenden Hauptfigur. Während Amor alles tut, um es ihr recht zu machen, wirkt sie wie eine Frau, die in ihrer eigenen Welt lebt. Manchmal bewundernswert, manchmal unerträglich.
Doch der Film gibt niemandem allein die Schuld. Reine mère zeigt mit spitzer Feder, wie Bürokratie, Alltagsrassismus und gesellschaftliche Strukturen das Leben von Einwandererfamilien erschweren – oft subtil, aber eben doch spürbar.
Gleichzeitig nimmt der Film sich selbst nicht zu ernst. Besonders in den Szenen mit Amels temperamentvollen Freundinnen, die ihr ungefiltert ihre Meinung sagen, blitzt ein charmanter Humor auf. Auch Charles Martel sorgt für absurde Momente: Damien Bonnard, in Kettenhemd und mit Zigarette im Mundwinkel, verleiht der historischen Figur eine unerwartete Lässigkeit.
Vergangenheit gegenwartstauglich gemacht
Ein Mythos gegen den anderen: So könnte man Labidis Ansatz zusammenfassen. Auf der einen Seite der überhöhte, heroische Charles Martel, dessen Geschichte jahrhundertelang als Symbol französischer Identität diente. Auf der anderen Seite Amel, die sich ein glorreiches Leben ausmalt, um den Schmerz der Entwurzelung zu verdrängen.
Doch am Ende geht es um mehr als Geschichte und Identität. Es geht um die zentrale Frage: Wie kann man in der Gegenwart ankommen, wenn die Vergangenheit einen gefangen hält?
Ein Film voller Energie und Überraschungen
Die Inszenierung ist lebendig, die Dialoge treffsicher, die Schauspieler voller Spielfreude. Camélia Jordana brilliert in der Rolle der launenhaften, aber liebenswerten Amel. Rim Monfort überzeugt als sensible Mouna, und Sofiane Zermani verleiht Amor eine erfrischende Sanftmut. Damien Bonnard als geisterhafter Charles Martel bringt eine wunderbare Absurdität ins Spiel.
Auch wenn der Film stellenweise etwas überzeichnet wirkt, ist er ein erfrischendes, intelligentes Werk, das Identität, Migration und Geschichtsbilder mit leichter Hand neu verhandelt. Ein modernes Märchen, das uns zum Lachen bringt – und dabei klug hinterfragt, was es heißt, wirklich irgendwo anzukommen.
Von C. Hatty