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Rennes: Als der Radweg zur Falle wurde

Es ist ein Abend wie viele in Rennes – nass, kühl, novembergrau. Doch was sich am 11. November gegen 22:45 Uhr auf dem Boulevard Albert-Ier abspielt, sprengt jede Vorstellung von Verkehrssicherheit, von städtischem Zusammenleben, von Zivilität. Ein 33-jähriger Autofahrer rast auf eine Radfahrerin zu. Mitten im Stadtverkehr. Ohne Not. Dann trifft ihn offenbar ein Impuls,…

Es ist ein Abend wie viele in Rennes – nass, kühl, novembergrau. Doch was sich am 11. November gegen 22:45 Uhr auf dem Boulevard Albert-Ier abspielt, sprengt jede Vorstellung von Verkehrssicherheit, von städtischem Zusammenleben, von Zivilität.

Ein 33-jähriger Autofahrer rast auf eine Radfahrerin zu. Mitten im Stadtverkehr. Ohne Not. Dann trifft ihn offenbar ein Impuls, der dunkler nicht sein könnte – er beschleunigt, steuert direkt auf die Frau zu. Und trifft.

Sie wird vom Fahrrad geschleudert, stürzt zu Boden. Verletzt, orientierungslos, am Boden liegend. Und dann beginnt das eigentlich Unfassbare: Der Mann steigt aus – nicht etwa, um zu helfen. Sondern um sich über sein Opfer herzumachen. Ein versuchter sexueller Übergriff. Auf offener Straße.

Nur dem schnellen Eingreifen der Polizei ist es zu verdanken, dass das Schlimmste verhindert wurde.

Doppelte Gewalt – doppelte Botschaft

Was diesen Fall so besonders erschütternd macht, ist nicht nur die Tat an sich. Es ist das Zusammenspiel zweier Gewaltformen: Erst der vorsätzliche Verkehrsunfall – eine regelrechte Attacke mit dem Auto –, dann die versuchte sexualisierte Gewalt. Wer denkt, der Straßenverkehr sei nur ein Ort der Mobilität, wird hier eines Besseren belehrt. Manchmal ist er Tatort.

Für Rennes, eine Stadt, die in den letzten Jahren massiv in Radinfrastruktur investiert hat, ist das ein harter Schlag. Radfahren gilt hier als Teil einer ökologischen, zukunftsfähigen Stadtvision. Sichere Radwege, ruhige Quartiersstraßen, autofreie Zonen – all das soll Menschen motivieren, aufs Rad umzusteigen. Doch was, wenn genau dies neue Risiken birgt? Wenn derjenige, der klimafreundlich unterwegs ist, zur Zielscheibe wird?

Ein Angriff auf die Idee der offenen Stadt

Der Vorfall betrifft nicht nur ein Opfer, einen Täter und ein einzelnes Verbrechen. Er stellt eine viel grundlegendere Frage: Wie sicher ist der öffentliche Raum für Frauen? Für alle, die sich ohne schützende Karosserie bewegen – zu Fuß, auf dem Rad, mit dem Kinderwagen?

Wer in Rennes lebt oder schon mal durch die Stadt geradelt ist, kennt die Dynamik zwischen Auto und Rad. Sie ist oft angespannt, manchmal gereizt, selten wirklich harmonisch. Doch dass diese Spannung eskalieren kann – zu einem bewussten Fahrzeugangriff mit anschließendem sexuellen Übergriff –, das verändert alles.

Die Justiz wird nun prüfen

Der mutmaßliche Täter wurde in Untersuchungshaft genommen. Gegen ihn laufen Ermittlungen wegen vorsätzlicher Gefährdung im Strassenverkehr, Körperverletzung, versuchter sexueller Nötigung – möglicherweise auch wegen versuchter Vergewaltigung. Die genaue juristische Einordnung hängt vom Ergebnis der Ermittlungen ab: Gutachten, Zeugenaussagen, Videos, Spuren – alles wird jetzt ausgewertet.

Entscheidend wird sein, ob sich die Absicht nachweisen lässt. War es ein geplanter Angriff? Hat der Mann das Opfer verfolgt? War Alkohol im Spiel? Welche Vorgeschichte hat er?

Und nicht zuletzt: Wie geht es der Frau? Ihr Zustand – körperlich wie psychisch – ist zentral für das Verfahren. Ihre Aussage wird Gewicht haben, ihr Schutz muss oberste Priorität haben.

Was bleibt: eine schmerzliche Erkenntnis

Diese Tat macht deutlich: Der öffentliche Raum, so sehr er gestaltet, beruhigt, geplant sein mag – er bleibt verletzlich. Und mit ihm die Menschen, die ihn nutzen. Eine Fahrradfahrerin, auf dem Heimweg, ist eben nicht „einfach unterwegs“ – sie ist sichtbar, angreifbar, exponiert.

Die Konsequenzen reichen weit: Städte wie Rennes müssen mehr tun, als nur Radwege zu bauen. Sie müssen eine Kultur des Miteinanders fördern – und eine Haltung, die keine Gewalt duldet, nirgends. Nicht im Auto. Nicht auf der Straße. Nicht im Kopf.

Denn was nützt der schönste Radweg, wenn er zur Falle wird?

Von Daniel Ivers