Ein stilles Wochenende war das sicher nicht – zumindest nicht in Südfrankreich. Drei Anschläge auf zentrale Strominfrastrukturen haben große Teile der Côte d’Azur lahmgelegt. Cannes, Nizza, ja selbst der Flughafen – plötzlich ohne Strom. Die Spur führt zu einer Gruppe selbsternannter Anarchisten, die mit einem bizarren Ziel angetreten sind: das Rampenlicht des Festival de Cannes zu löschen.
Drei Nächte, drei Attacken
Was in der Nacht vom 23. auf den 24. Mai als vermeintlicher Einzelfall begann, entpuppte sich rasch als gezielte Aktion. Erst ging ein Umspannwerk in Tanneron (im Var) in Flammen auf. Dann, nur wenige Stunden später, fiel ein Hochspannungsmast in Villeneuve-Loubet. Die Täter hatten drei der vier Träger durchtrennt – kein Unfall, sondern ein chirurgisch präziser Sabotageakt. 160.000 Haushalte waren betroffen.
Doch damit nicht genug. In der Nacht darauf brannte ein Transformator im Viertel Les Moulins in Nizza. Diesmal traf es rund 45.000 Haushalte. Sogar der internationale Flughafen der Stadt war kurzzeitig ohne Strom.
Kaum 24 Stunden nach dem letzten Anschlag meldete sich eine Gruppe im Internet zu Wort. Zwei anarchistische Kollektive erklärten, sie hätten die Aktionen gemeinsam durchgeführt. Ihr Ziel? Nicht etwa Geld oder Macht – sondern der Wunsch, den Festivalrummel in Cannes zu stören und "industrielle und technologische Zentren" zu lähmen. Klingt abwegig? Vielleicht. Doch für die menschen in 200.000 Haushalten war es alles andere als ein Scherz.
Ob das Bekennerschreiben echt ist, prüfen die Behörden noch. Sicher ist: Der Zeitpunkt war kalkuliert, die Mittel gefährlich, das Signal laut.
Staatlicher Rundumschlag
Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Innenminister Bruno Retailleau rief die Präfekten landesweit auf, den Schutz sensibler Infrastrukturen zu verstärken. Er forderte präzise Lagepläne, verstärkte Überwachung und eine engere Zusammenarbeit mit Stromversorgern. In Nizza soll die Videoüberwachung ausgebaut werden, zusätzliche Patrouillen wurden angeordnet. Sicherheit auf Vorrat, weil man mit neuen Angriffen rechnen muss?
Leben im Ausnahmezustand
Der Alltag in Cannes und Nizza kam ins Straucheln. Ampelanlagen blieben dunkel, Busse fuhren unregelmäßig, Handynetze waren gestört. In Cannes musste sogar der Ablauf des Filmfestivals umgestellt werden – auch wenn die große Abschlussgala dank eines autarken Stromsystems stattfinden konnte. Für viele Besucher und Bewohner war es trotzdem eine surreale Erfahrung.
Und wer hätte gedacht, dass ausgerechnet ein glamouröses Filmfestival einmal zur Zielscheibe politischer Sabotage wird?
Warum das niemand kaltlassen darf
Die gezielten Attacken entlarven eine bittere Realität: Unsere moderne Gesellschaft hängt an einem seidenen Faden – oder besser gesagt, an Hochspannungskabeln. Ein paar gezielte Schnitte, ein Brand zur richtigen Zeit – und alles steht still. In einer Welt, in der digitale Systeme, Verkehr und Kommunikation fast vollständig von funktionierenden Stromnetzen, wirken solche Taten wie Brandbeschleuniger auf öffentliches Unsicherheitsgefühl.
Deshalb müssen die Ermittlungen nicht nur klären, wer hinter diesen Angriffen steckt. Sondern auch, wie anfällig unsere Infrastruktur wirklich ist – und was dagegen getan werden muss.
Denn eines steht fest: Was in Südfrankreich geschah, kann auch anderswo jederzeit passieren.
Von C. Hatty