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Saintes im Griff der Fluten: „Es ist die Hölle“, klagt Bürgermeister Bruno Drapron

Wenn das Wasser steigt, sinkt die Zuversicht. In Saintes gehört dieses Gefühl längst zum Winter wie Nebel und frühe Dunkelheit. Die Ufer der Charente verschwinden unter brauner Brühe, Keller laufen voll, Pumpen rattern durch die Nacht. Wer hier lebt, wirft morgens zuerst einen Blick auf den Pegelstand – nicht auf das Wetter. Die Stadt im…

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Wenn das Wasser steigt, sinkt die Zuversicht.

In Saintes gehört dieses Gefühl längst zum Winter wie Nebel und frühe Dunkelheit. Die Ufer der Charente verschwinden unter brauner Brühe, Keller laufen voll, Pumpen rattern durch die Nacht. Wer hier lebt, wirft morgens zuerst einen Blick auf den Pegelstand – nicht auf das Wetter. Die Stadt im Département Charente-Maritime steht wieder einmal unter Wasser, und Bürgermeister Bruno Drapron findet dafür nur noch deutliche Worte: „Es ist die Hölle.“

Das sitzt.

Saintes, durchzogen vom Fluss Charente, verdankt dem Strom ihre Geschichte. Handel, Brücken, Kais, ein Stadtbild, das ohne das Wasser kaum denkbar wäre. Jahrzehntelang galt die Nähe zum Fluss als Versprechen – für Lebensqualität, für Tourismus, für ein gewisses südwestfranzösisches Savoir-vivre. Heute wirkt diese Nähe wie eine offene Flanke. Die unteren Viertel, Parkplätze und Geschäftsstraßen liegen in einer Zone, die bei anhaltendem Regen zuerst leidet.

Und es regnet häufiger heftig.

Sobald sich die Niederschläge im Einzugsgebiet verdichten, saugen sich die Böden voll, das Wasser rauscht in Bäche und Nebenarme, die Charente schwillt an. Zunächst gemächlich, dann unaufhaltsam. Straßen verwandeln sich in Kanäle, Schaufenster spiegeln keine Passanten mehr, sondern Wellen. Wer das einmal erlebt hat, erkennt die Anzeichen früh: das langsame Verschwinden der Uferkante, das Knacken nasser Holztüren, der Geruch feuchter Mauern.

Für die Anwohner bedeutet jede neue Flut mehr als nasse Füße. Waschmaschinen, Heizungen, Vorräte – alles steht auf dem Spiel. Versicherungen regulieren Schäden, doch das Geld ersetzt keine Erinnerungen, die im Kellerarchiv davonschwimmen. Manche Bewohner berichten von schlaflosen Nächten, vom ständigen Lauschen auf Regenprasseln. Das geht an die Substanz. Irgendwann fragt man sich: Wie oft noch?

Auch die Geschäftsleute trifft es hart. Bleiben Kunden aus, weil Zufahrtsstraßen gesperrt sind, bricht Umsatz weg. Wer mehrmals hintereinander renoviert, verliert nicht nur Geld, sondern Mut. „Man rackert sich ab – und dann kommt wieder das Wasser“, hört man in Gesprächen. Ein bisschen Galgenhumor mischt sich darunter, doch der klingt müde.

Die Wissenschaft zeichnet ein klares Bild: Ein wärmeres Klima intensiviert den Wasserkreislauf. Längere Trockenphasen wechseln mit Starkregen, der in kurzer Zeit enorme Mengen niedergehen lässt. Flüsse reagieren darauf empfindlich. Saintes erlebt diese Dynamik unmittelbar. Die Frage lautet längst nicht mehr, ob eine weitere Flut kommt, sondern wann.

Die Stadt versucht gegenzusteuern. Schutzmauern, mobile Barrieren, Notfallpläne. Informationssysteme warnen frühzeitig, Sandsäcke liegen bereit. Doch bauliche Maßnahmen stoßen an Grenzen, wenn Wassermassen historische Höchststände erreichen. Zudem berührt jede Entscheidung Eigentumsrechte, Investitionen, Lebensentwürfe. Wer in einem gefährdeten Viertel wohnt, hängt oft mit Herz und Geschichte daran.

Politisch wächst der Druck. Der Bürgermeister steht zwischen Solidaritätsbekundungen aus Paris und der Erwartung der Bürger, endlich Ruhe vor dem Wasser zu finden. Fördermittel fließen, aber sie versickern schnell angesichts der nötigen Investitionen. Gleichzeitig darf die Stadt nicht den Ruf einer permanenten Krisenregion annehmen. Sonst bleiben Neubürger und Investoren fern – und das wäre für eine mittelgroße Kommune fatal.

Trotz allem zeigt sich in Saintes auch Widerstandskraft. Nach jeder Flut helfen Nachbarn einander beim Ausräumen, Cafés öffnen wieder, sobald der Schlamm beseitigt ist. Diese Solidarität trägt. Doch sie ersetzt keine langfristige Strategie. Wer an einem Fluss lebt, muss mit ihm rechnen – aber nicht kapitulieren.

Bruno Draprons drastische Worte sind deshalb mehr als ein emotionaler Ausbruch. Sie markieren eine Zäsur im Selbstverständnis der Stadt. Saintes will nicht Opfer bleiben, sondern lernen, sich neu zu positionieren – mit klügerer Bauplanung, resilienter Infrastruktur und realistischem Blick auf die klimatischen Veränderungen.

Ob das genügt, entscheidet nicht allein der nächste Winter. Sondern der Mut, jetzt die Weichen anders zu stellen.

Daniel Ivers

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