Als Brigitte Macron am 7. Dezember 2025 hinter der Bühne des Pariser Varietétheaters Folies Bergère mit dem Komiker Ary Abittan scherzt, kann sie nicht ahnen, dass einige ihrer Worte landesweit Empörung auslösen werden. Ihre saloppe Bemerkung über feministische Aktivistinnen – „S’il y a les sales connes, on va les foutre dehors“ – sorgt seither für eine Debatte, die weit über Fragen des Stils hinausreicht. Im Zentrum stehen das Verhältnis zwischen Politik und Zivilgesellschaft, der Umgang mit feministischen Protestformen – und die politische Verantwortung der symbolisch aufgeladenen Rolle einer Première Dame.
Zwischen Humor, Loyalität und politischer Ungeschicklichkeit
Brigitte Macrons Bemerkung fiel im vertraulichen Rahmen, hinter der Bühne, im Gespräch mit einem sichtlich nervösen Ary Abittan, der nach dreijähriger Bühnenabstinenz sein Comeback feierte. Der Anlass ist jedoch brisant: Abittan war 2021 wegen Vergewaltigung angezeigt worden, das Verfahren endete 2025 mit einer Einstellung. Für viele war der Freispruch ein rechtlicher Schlussstrich, für andere ein Symbol für ungehörte Opfer in einem unvollkommenen System.
Die Aktion des feministischen Kollektivs #NousToutes, das am Vorabend in maskierter Form das Bühnenprogramm störte, zielte bewusst auf diese Widersprüchlichkeit: Auch wenn das Recht gesprochen habe, bleibe für viele Betroffene der strukturelle Missstand bestehen. Die Reaktion Brigitte Macrons – das Wort „sales connes“ bedeutet etwa „blöde Kühe“ oder „dämliche Weiber“ – traf genau ins Herz dieser Empörung. Was als spontane Loyalitätsgeste gegenüber einem Freund gedacht war, wurde zur politischen Aussage.
Feministische Bewegungen zwischen Radikalität und gesellschaftlicher Legitimation
Die feministische Bewegung in Frankreich ist breit gefächert – von institutionell verankerten Akteurinnen bis hin zu radikalisierten Kollektiven wie #NousToutes oder Les Colleuses, die sich bewusst direkter Protestformen bedienen. Die Aktion in den Folies Bergère war Teil einer gezielten Strategie der Sichtbarmachung: Provokation, Störung, Aufmerksamkeit. Dass Brigitte Macron diesen Akt öffentlich abqualifiziert – und das in herablassender Sprache –, stellt die Regierung indirekt gegen einen Teil der zivilgesellschaftlichen Frauenrechtsbewegung.
Zugleich wirft der Vorfall die Frage auf, wie viel Raum für radikalen Protest in einer liberalen Demokratie besteht – und wo die Grenze zwischen zivilgesellschaftlicher Intervention und Störung öffentlicher Ordnung verläuft. Dass die Aktivistinnen maskiert auftraten, dient der einen Seite als Symbol für Feigheit, der anderen als Schutzmaßnahme gegen mögliche Repressalien.
Die symbolische Rolle der Première Dame im Spannungsfeld der Politik
Die Figur der Première Dame ist in Frankreich institutionell nicht fest verankert, aber politisch aufgeladen. Seit Danielle Mitterrand und später Bernadette Chirac ist sie mal karitativ engagiert, mal diskret, mal aktivistisch – stets jedoch ein Gradmesser für das kulturelle Selbstverständnis der politischen Elite. Brigitte Macron selbst hat sich seit Beginn der Präsidentschaft ihres Mannes als nahbar, kultiviert und bildungspolitisch interessiert inszeniert.
Gerade deshalb trifft der aktuelle Vorfall einen Nerv: Wer öffentlich Empathie für Opfer sexualisierter Gewalt zeigt und sich zugleich – auch im Scherz – so deutlich gegen Aktivistinnen positioniert, gerät in ein Glaubwürdigkeitsdilemma. Politisch ist der Schaden für das Präsidentenpaar überschaubar – Emmanuel Macron selbst äußerte sich bislang nicht. Doch gesellschaftlich steht ein größerer Konflikt im Raum: jener zwischen einer zunehmend sichtbaren, teils radikalisierten Protestkultur und einer politischen Klasse, die sich immer schwerer damit tut, neue Ausdrucksformen gesellschaftlicher Kritik zu akzeptieren.
Der Vorfall steht damit exemplarisch für eine tiefer liegende Spannung in westlichen Demokratien: Die Grenzen zwischen öffentlicher Verantwortung, symbolischer Kommunikation und zivilgesellschaftlicher Selbstermächtigung verschwimmen. Dass ausgerechnet eine Figur wie Brigitte Macron, die bislang als moderierende Instanz zwischen politischer Macht und gesellschaftlichem Diskurs galt, nun zur Projektionsfläche dieser Konflikte wird, ist Ausdruck der politisch aufgeladenen Zeiten.
Autor: P. Tiko